Vier Zentren für Islamische Theologie wird es in Deutschland geben, das erste ist soeben eröffnet worden: an der Universität Tübingen.
Ausgebildet werden sollen hier islamische Religionslehrkräfte sowie Imame. Das klingt harmlos. Aber dieser institutionelle Schritt ist Teil eines modernen Abenteuers.
(Die Zitate stammen aus drei in den Anmerkungen verlinkten ZEIT-Artikeln.)
Der Professor:
Omar Hamdan ist 47 Jahre alt, Palästinenser mit israelischem Pass, er ist in Tira geboren, einer Stadt, wenige Kilometer nördlich von Tel Aviv. Dort hat er an der Hebrew University Islamwissenschaften studiert, in den Neunzigern kam er nach Tübingen, schrieb sich für vergleichende Religionswissenschaften ein und promovierte bei Josef van Ess, einem der Großen des Fachs. Zuletzt forschte der Sunnit an der Freien Universität Berlin über Gemeinsamkeiten des Islams mit Judentum und Christentum im Mittelalter. (1)
Was für einen Islam lehrt Hamdan?
Was ist für Omar Hamdan das Wesen des Islams? Die Antwort kommt schnell und lässt Raum: »Eine Lebensweise, die einen sehr weiten Horizont öffnet.« …
Kann der Islam, der in Deutschland entsteht, auch einmal in islamische Länder hineinwirken? So weit möchte Hamdan noch nicht denken. Ihm geht es zuerst um das, was vor seiner Haustür passiert. »Die Muslime hier wollen teilhaben an der Gesellschaft, in der sie leben«, sagt er, es gehe ihnen um Gleichstellung, um das Gefühl, hier eine Heimat zu haben. »Auf diesem Weg ist ein Zentrum für islamische Theologie ein großer Schritt.« (1)
(Zwei interessante Standpunkte von Professor Hamdan stehen unten, im Anhang!)
Die Studenten
Die ersten Studenten sind 23 Frauen und 13 Männer. – Ein bemerkenswertes Geschlechterverhältnis, wenn man zweierlei bedenkt: Imame können Frauen vorerst so wenig werden wie katholische Priester, und das Kopftuch wird vielen den Weg in den Staatsdienst versperren. Es entspricht aber dem durchschnittlichen schulischen Erfolg und dem ständig wachsenden Selbstbewusstsein der muslimischen Frauen in Deutschland.
Imamausbildung
Die Absolventen können nach ihrem Bachelorabschluss auch als Imam arbeiten. »Auch«, sagt Hamdan, das ist ihm wichtig. In der Abschlussurkunde werde nicht stehen: »Absolvierte eine Imamausbildung«. Aber es sind entsprechende Seminare vorgesehen. Ein Imam in Deutschland könne nicht nur über das Mittelalter oder über islamische Länder sprechen, sagt er. Er müsse vor allem Themen aufgreifen, die relevant sind für das Leben in Deutschland. Dazu gehöre zum Beispiel auch der Schulalltag. Er müsse einen Weg finden zwischen Tradition und Moderne.
Der Nachholbedarf ist groß: Bislang sprechen die meisten der 2.000 Imame in der Bundesrepublik kaum Deutsch und kennen sich nicht aus in dem Land, in dem sie wirken sollen. Die meisten von ihnen werden als Import-Imame vom türkischen Staat entsandt und nach vier Jahren wieder abberufen. (1)
Werden einige der Moscheevereine wenigstens bereit sein, einen in Deutschland ausgebildeten Imam anzunehmen? Wird DITIB dazu bereit sein, ihn zu bezahlen?
Ausbildung zum Religionslehrer
Das Schulfach ist erst im Werden: Obwohl auf unsere Schulen eine Dreiviertelmillion muslimische Schüler gehen, können sie islamischen Religionsunterricht nur im Rahmen einiger Modellversuche besuchen. In Baden-Württemberg gibt es solche Versuche derzeit an rund 20 Grundschulen und einigen Hauptschulen. Sollte das Fach einmal in allen Bundesländern eingeführt werden, brauchte es dafür 2000 Lehrer, schätzt das Bundesministerium für Bildung und Forschung. (1)
Der Beirat
Im Beirat des Tübinger Islam-Zentrums sitzen nur zwei unabhängige Experten, die übrigen fünf Vertreter durften die Verbände Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (Ditib), Verband der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ) und Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V. (IGBD) benennen. “Dadurch kann es dazu kommen, dass etwa in der Auslegung des Korans bestimmte Maximen eingehalten werden sollen, die westlichen Wissenschaftsstandards widersprechen”, befürchtet Islam-Experte Eißler. (2)
Wissenschaftsfreiheit
Werden sich die Moscheevereine über die Beiräte in den Unterricht einmischen, auf ihren othodoxen Standpunkten bestehen, die Freiheit der Lehre beeinträchtigen?
In Tübingen aber, sagt Hamdan, habe der Beirat nur ein Mitspracherecht in bekenntnisrelevanten Fragen, nicht jedoch, was Studieninhalte betrifft. Er habe die Zusammenarbeit problemfrei erlebt, erzählt er. Dann schiebt der Professor die wieder heruntergekrempelten Hemdsärmel ein zweites Mal nach oben und sagt: »Außerdem – ich bin Theologe, kein Politiker.«
Er möchte einen Islam lehren, der eingebunden ist in einen europäischen Kontext. Aber Hamdan geht es auch darum, einen Zugang zu schaffen zu den Quellen der islamischen Theologie, etwa zum Koran. Viele Muslime hätten falsche Vorstellungen von den Grundlagen des Islam. Und dann zieht er ein Bild aus der Moderne hersan: Wer ohne Quellenwissen sei, sei wie ohne Zugang zum Internet – abgeschnitten. (2)
Ein anderer islamischer Theologe, Ömer Özsoy:
“Um im Konzert der Wissenschaften mitspielen zu können, müssen wir unbedingt die fachlichen Erwartungen von Philologen, Historikern, Literaturtheoretikern in unseren Nachdisziplinen erfüllen, zumal der traditionellen Islamwissenschaften.” (3)
Befürchtungen
In Interviews hatte Hamdan gesagt, die islamische Theologie werde nicht infrage stellen, dass Gott selbst der Verfasser des Korans ist. Doch Kritiker fordern eben diese Distanz zur heiligen Schrift des Islam, so wie sie auch in der christlichen Theologie üblich ist.
Es bestehe die Gefahr, dass sich eine “unkritische islamische Theologie” an deutschen Universitäten etabliere, fürchtet Friedmann Eißler, Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. “Auch ein christlicher Theologe glaubt, dass die Bibel Gottes Wort ist.” Aber die christliche Theologie erkenne an, dass biblische Texte eben auch ein Produkt ihrer Zeit seien. “Dieses Wissenschaftsverständnis fehlt der islamischen Theologie, wenn sie den Koran sozusagen über die Geschichte hebt und als absolut gegebenes Wort Gottes betrachtet.” (2)
Auch Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung, hält es für wichtig,
dass sich in der islamischen Theologie eine historisch-kritische Methode im Umgang mit dem Koran entwickelt (2)
sie vertraut aber den neuen Islamzentren, dass sie genau dies tun werden.
Eine ablehnende Stimme
Im Übrigen lehnt etwa der Frankfurter Theologieprofessor Ömer Özsoy eine Imam-Ausbildung an den Universitäten strikt ab. Das sei allein Aufgabe der Moscheevereine und ihrer Verbände, erklärte er gerade unwidersprochen auf einem Mercator-Forum. Andernfalls wäre eine Verwicklung der Hochschullehre in konfessionelle und Verbands-Streitigkeiten unvermeidbar. Genau genommen, werden zwar auch die christlichen Geistlichen an kirchlichen Seminaren ausgebildet, allerdings nicht ohne entsprechendes Uni-Studium. (3)
Berufsperspektiven
Wer soll die künftigen Imame bezahlen, wenn sie in Deutschland ausgebildet worden sind? Welche Moscheevereine werden bereit sein, sie zu übernehmen?
Schon jetzt müssen viele Imame mit 600 Euro im Monat auskommen. Die werden durch Spenden der Gemeinde aufgebracht. Für einen in Deutschland promovierten Imam ist das keine Perspektive.
Nur die DITIB-Imame werden vom (türkischen Staat) bezahlt.
Eine mögliche Lösung wäre es, zugleich als Religionslehrer an Schulen und als Imam zu arbeiten.
Weil die Berufsperspektiven im geistlichen Dienst unzureichend sind, sprechen Professoren und Schüler der Islamischen Studien umso lieber von zweckfreier “Grundlagenforschung.” (3)
Eine gefährliche Lösung. Der Reiz des Fachs sollte doch in der Verbindung von Theologie und realer Praxis bestehen.
Interessieren würde mich auch die Frage, ob eine muslimische Religionslehrerin mit Kopftuch unterrichten und vom Staat angestellt werden könnte.
Der Beitrag zur Integration
Imame könnten Schlüsselfiguren der Integration sein. Man hätte schon in den 80er Jahren anfangen können, die Kooperation mit ihnen zu suchen – hätte man nicht erst vor kurzem eingesehen, dass wir ein Einwanderungsland sind und der Islam nun auch zu Deutschland gehört. Jetzt ist es eben so, dass 90 Prozent der ca. 2000 Imame in Deutschland kein oder kaum Deutsch sprechen, die deutschen Schulen und die deutsche Umwelt ihrer Schützlinge unzureichend oder gar nicht kennen.
Die aktuelle Wendung richtet sich insofern weniger an die alte Generation, sondern an die 3. und 4. Generation der muslimischen Einwanderer, an die Muslime der Zukunft.
“Mit unseren Interpretationsversuchen erreichen wir natürlich nicht mehr die erste und zweite Zuwanderergeneration etwa aus Anatolien. Die haben ganz andere religiöse Bedürfnisse.” Mouhanad Khorchide, Professor für Religionspädagogik in Münster, sagt: “Wir machen Eltern und Kindern einer hiesigen Mittelschicht ein Werte-Angebot ohne jeden Missionseifer.” Jede Mittelschicht ist aber als solche ja schon der beste Beweis für soziale Integration. Wo die noch nicht gelungen ist, da kann sich staatliche Integrationspolitk auch von islamischen Hochschultheologen offenbar nicht viel erhoffen. (3)
Trotzdem, ein Imam ist nicht in erster Linie ein Integrationslotse, sondern einer, der den Glauben vermittelt und aus dem Glauben heraus zu Fragen des Alltagslebens Ratschläge geben kann. Dazu muss er allerdings mit der tatsächlichen Lebensumwelt der Gläubigen tief vertraut sein; das ist er nur, wenn er unter ihnen aufgewachsen ist.
Diese Brücke muss der Imam schlagen: die zwischen der Theologie und dem alltäglichen Leben. Eine Brücke funktioniert nur, wenn man sie zwanglos von beiden Seiten her begehen kann.
Dass solche Brücken gebaut werden können, dafür müsste die Imam- und Lehrkräfteausbildung dienen.
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Zitiert werden drei ZEIT-Artikel, (1) über Hamdan, (2) über die Eröffnung und (3) über islamische Studien.
Die anderen drei Zentren:
- Münster/Osnabrück
- Frankfurt/Gießen
- Erlangen-Nürnberg
Zur islam-internen Auseinandersetzung: Streit unter Muslimen
Mein Artikel zur Frage der Anerkennung als Religionsgemeinschaft.
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Anhang:
Zwei interessante Standpunkte vertritt Hamdan – sie finden sich im einschlägigen Artikel der taz:
Es gebe in Deutschland bereits mehr als genug Moscheen, sagte er da. Im Zeitalter von Internet und Monitoren reiche eine Zentralmoschee pro Großstadt völlig aus, per Liveübertragung könnten die Freitagspredigten von dort in andere Gemeinden übertragen werden. Solche Vereinheitlichungsgedanken dürften nicht allen gefallen. Ihnen steht die starke Zersplitterung der muslimischen Gemeinden in Deutschland entlang nationaler und konfessioneller Trennlinien entgegen.
und
Er schlägt vor, ein islamisches Gerichtswesen einzurichten, das – sofern von Muslimen gewünscht – in religiösen und familiären Angelegenheiten seine Urteile sprechen könnte. Die oberste Autorität staatlicher Zivilgerichte müsse dadurch nicht angetastet werden, so Hamdan.
Vermutlich wird in den nächsten 10 Jahren über kein universitäres Fach so viel öffentlich debattiert werden wie über die Islamische Theologie.
Dabei spielt Theologie eigentlich im Islam eine sehr viel geringere Rolle als im Christentum … Aber eine Religion, die in Deutschland heimisch werden will, wird sich dem deutschen Drang nach gründlichem Durchdenken und konsequentem Verallgemeinern kaum entziehen können. Das wird den Islam verändern.
Die Muslime könnten sich natürlich auch für einen anderen Weg entscheiden – den, den die katholische Kirche zu gehen entschlossen ist: Der Abstand zwischen der “Wahren Lehrer” und ihren Vertretern ganz oben einerseits und den Laien andererseits wird immer größer und am Ende so groß, dass die katholische Kirche nur noch eine riesenhafte Hülle für ein paar wenige Gläubige sein wird, also eine Sekte.
Abgelegt unter: Imame, Islam, Religionsunterricht Mit Tag(s) versehen: | Ömer Özsoy, Friedmann Eißler, Khorchide, Omar Hamdan, Zentrum für Islamische Theologie
“Er schlägt vor, ein islamisches Gerichtswesen einzurichten, das – sofern von Muslimen gewünscht – in religiösen und familiären Angelegenheiten seine Urteile sprechen könnte. Die oberste Autorität staatlicher Zivilgerichte müsse dadurch nicht angetastet werden, so Hamdan.”
Dann braucht es auch kein muslimisches Gerichtswesen, das der Türöffner für Schariagerichte sein könnte.Oberste Maxime muss sein: Deutsches Zivilrecht–ohne Abstriche!!!
Wieso ein Türöffner?
Was hast du gegen die Scharia? (Das heißt: Welche meinst du eigentlich?)
Das zivile Scharia-Gericht würde sich zwangsläufig im Rahmen des deutschen Zivilrechts bewegen müssen.
Ich halte es in der Regel für vorteilhaft, dezentral und alltagsnah und unbürokratisch zu verfahren, auch in Rechtsfragen.
Eine Gefahr für das Rechtssystem sehe ich nicht.
“Es gebe in Deutschland bereits mehr als genug Moscheen, sagte er da. Im Zeitalter von Internet und Monitoren reiche eine Zentralmoschee pro Großstadt völlig aus, per Liveübertragung könnten die Freitagspredigten von dort in andere Gemeinden übertragen werden. Solche Vereinheitlichungsgedanken dürften nicht allen gefallen”
Na also, endlich mal ein Muslim, der es selbst sagt: Es gibt schon genug Moscheen. Ganz meine Rede.Aber eine Vereinheitlichung des Islam ist auch ein zweischneidiges Schwert–mir ist es lieber, wenn die Muslime gesplittet auftreten.Umgekehrt wäre solch ein Islam TV mal ganz interessant: Da könnte man sich dann selbst ein Bild machen und die (Hass)-Prediger hören, was sie jetzt genau sagen.Das hätte durchaus aufklärerischen Charakter, wenn auch Nichtmoslems mal so eine Predigt verfolgen können–insofern sie halt auf deutsch erfolgt oder mit Untertiteln.
“Das zivile Scharia-Gericht würde sich zwangsläufig im Rahmen des deutschen Zivilrechts bewegen müssen.”
Warum diese Extrawürste. Das deutsche Zivilrecht ist verpflichtend udn da braucht man keine parallelen Justizapperat dazu aufzubauen.Aus basta!!
Was die Moscheen angeht, so werden wir das den Muslimen selbst überlassen müssen.
Was Hassprediger angeht, so wirst du enttäuscht werden. Es gibt in den 2000 Moscheen praktisch keine. Ich nehme mal an, die meisten Zuschauer wären ziemlich gelangweilt – die Predigten der Imame in Deutschland sind vermutlich noch weniger aufregend als die Predigten der katholischen und evangelischen Pfarrer. “Handle gut, denn Gott sieht jede deiner Handlungen, und du musst über sie am Ende Rechenschaft vor ihm ablegen.” Das ungefähr hörst du immer und immer und immer wieder, in immer wieder neuen Variationen, immer wieder neu eingekleidet und auf neue Situationen bezogen.
Was das Gute Handeln angeht, so ist es inhaltlich zwischen den Religionen ziemlich identisch, wenn man mal von Äußerlichkeiten wie dem Alkoholverbot, dem Schweinefleischtabu und dergleichen absieht. Es geht vor allem immer darum, anständig zu sein, nicht zu lügen, nicht zu stehlen, nicht zu fluchen, keine gemeinen Äußerungen zu tun, hilfsbereit zu sein, undsoweiterundsofort.
Dazu wird dann natürlich immer wieder das Heilige Buch und Gottes Wort zitiert und ausgelegt.
Was meinst DU denn, dass in so einer Predigt los ist?
Wenn da ein Hassprediger loslegen würde, würden die Gläubigen den Raum verlassen, und der Moscheevorstand würde dem Imam ein Hausverbot aufbrummen.
“Ich nehme mal an, die meisten Zuschauer wären ziemlich gelangweilt – die Predigten der Imame in Deutschland sind vermutlich noch weniger aufregend als die Predigten der katholischen und evangelischen Pfarrer”
Warum soll man dann die 3.te und 4te Generation damit auch noch langweilen? Ein Wort zum Freitag wäre mal eine ganz interessante Sache–vielleicht auch als Parodievorlage für “Switch”.
@Ig
“Interessieren würde mich auch die Frage, ob eine muslimische Religionslehrerin mit Kopftuch unterrichten und vom Staat angestellt werden könnte.”
Islamische Religion könnte die Dame an einer staatlichen Schule sicher unterrichten. Es gibt auch jede Menge katholischer Ordensgeistliche, die Religionsunterricht erteilen. Allerdings stehen diese auf der Lohnliste der Katholischen Kirche und sind nicht beim Staat angestellt, sondern nur an die Schulen abgestellt.
“Das zivile Scharia-Gericht würde sich zwangsläufig im Rahmen des deutschen Zivilrechts bewegen müssen.
Ich halte es in der Regel für vorteilhaft, dezentral und alltagsnah und unbürokratisch zu verfahren, auch in Rechtsfragen.
Eine Gefahr für das Rechtssystem sehe ich nicht.”
Die Rechtssprechung ist ein zentrales Feld staatlichen Handelns. Recht spricht heirzulande ein staatlicher Richter und sonst niemand. Hier ein Outsourcing an irgendwelche Privatpersonen vorzunehmen hat nichtmal die FDP vor.
Ich werde mich für einen Ethikunterricht einsetzen, der Schüler aller Konfessionen und Religionen gemeinsam verabreicht wird und der alle Religionen und säkularen Philosophen gleichermassen abdeckt..Aber ich bin strikt dagegen, dass jetzt jede Religionsgemeinschaft hier noch breiteren Raum mittels Religionsunterricht an säkularen Schulen bekommt.
“Die Rechtssprechung ist ein zentrales Feld staatlichen Handelns. Recht spricht heirzulande ein staatlicher Richter und sonst niemand. Hier ein Outsourcing an irgendwelche Privatpersonen vorzunehmen hat nichtmal die FDP vor”
Da hat Conring völlig recht.Die Justitz ist ein zentrales Feld staatlichen Handelns und da gibt es nichts zu rütteln. Dieser Tendenz auf diesem Blog, Verfassungsschutz abschaffen, Zivilgerichtsbarkeit durch Scharia-Gerichtshöfe zu parallelisieren und zu paralysieren,etc., muss einmal heftig entgegengetreten werden. Das Gesamtbild ergibt eine Auflösung bestehender Staatlichkeit, die nur Multikultispiesser in ihren Träumen von ein bisschen Islamisierung des Landes entspringen.
Diese Passage bezieht sich auf die Situation in Großbritannien. Dort gibt es jüdische religiöse Gerichte, deren Entscheidungen verbindlich sind, und von der Polizei durchgesetzt werden. Die religiösen Gerichte dürfen nur in Zivilsachen urteilen, und alle Parteien müssen die Zuständigkeit des religiösen Gerichts anerkennen. Tatsächlich aber führt das dazu, dass orthodoxe jüdische Frauen bei Scheidungen gegenüber den Männern benachteiligt sind.
Die Moslems in England wollen natürlich auch solche religiösen Gerichte.
Ich bin aber gegen solche religiösen Gerichte, da dadurch die traditionellen Kräfte in der islamischen Bevölkerung weiter gestärkt würden. Außerdem stünden den christlichen Kirchen dann auch solche religiösen Gerichte zu. Stattdessen sollten sich die hiesigen Muslime darauf konzentrieren als Religion, so wie das Christentum, anerkannt zu werden. Dann könnten sie allerhand muslimische Organisationen, wie Kindergärten, Schulen, und Seniorenheime gründen, die natürlich alle vom Staat bezahlt werden müssten. Innerhalb dieser Organisationen würde natürlich die Scharia gelten, genauso wie in katholischen Organisationen das katholische Kirchenrecht gilt.
Einverstanden.
Wenn das so weit gehend gemeint ist, würde ich auch ablehnen.
Ich wünsch den Kollegen in Tübingen viel Erfolg! Allerdings geistert da ein Passage in den Medien, die nicht korrekt ist. Prof. Hamdan ist nicht der erste seiner Art und das dortige Institut auch nicht.
Der erste ist Prof. Özsoy und das Institut, das 2009 gegründet wurde (vorher noch der Studiengang):
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb09/islam/profil/index.html
@leo
das wird sicherlich einer der probleme sein: die bezahlung der imame. jetzt schon wird (vor allem bei politischen diskussionen) den moscheeverbänden vorgehalten: eure imame kommen aus der türkei/marokko/ägypten etc.
wie du schon sagtest, hätte man sich mal früher darum gekümmert, statt sich ständig zu beschuldigen, dann hätten man gar nicht darüber reden müssen.
man kann ja nicht von heute auf morgen 2.000 imame ersetzen. ausser bei der DITIB ist es so, dass viele imame für einen hungerlohn arbeiten und meistens nur befristet <1 Jahr beschäftigt werden können. habe mal gelesen, dass ein DITIB-Imam den türkischen Staat ca. 4000-6000 euronen im monat kostet, je nach ausbildung. bei 890 vereinen kannst du so einen groben überblick machen. ich schätze mal, dass keine 20 vereine sich einen vollwertigen imam durch spendengelder leisten können.
da kommt noch einiges an problemen auf uns zu.
Vielleicht kann es ja die Kombination Imam-Religionslehrer lösen. Seinen Lebensunterhalt verdient er dann als Religionslehrer, die Imamtätigkeit ist ein Zubrot.
Zeit wird es auch, dass man mal überlegt, ob nicht auch Frauen als Imame möglich sein könnten …
Rechne mal in die Zukunft hoch, Cenki, was bei dem eminenten und ständig wachsenden (!) Vorteil, den das weibliche Geschlecht im Bildungssektor gegenüber dem männlichen Geschlecht genießt, am Ende beruflich und vom Prestige her und von der Leistungsfähigkeit her auf die Muslime in Deutschland zu kommt!
Das ergibt eine REVOLUTION.
In 30 Jahren werden in Deutschland die muslimischen Frauen die muslimischen Männer völlig in den Schatten stellen – einfach deshalb, weil sie viel mehr leisten können als die immer weiter abgehängten Männer. Weil sie viel mehr Bildung haben. Weil sie tüchtiger sind.
Will der Moscheeverein das nicht berücksichtigen? – Jetzt muss er noch nicht. Noch dominieren die ALTEN Männer. Die sind in 30 Jahren tot … Die Tradition wirkt noch, die JUNGEN Männer haben als Nachfolger noch das Sagen, auch wenn sie eigentlich von den JUNGEN Frauen schon an Zahl und Kompetenz übertroffen werden. Die Überlegenheit der Frauen wird von Jahr zu Jahr wachsen, und irgendwann ist es so weit und die Sache KIPPT.
Ich hoffe, der Islam in Deutschland erweist sich hier als flexibler und klüger als die katholische Kirche …
@leo
vollkommene zustimmung! meine beobachtung ist ebenfalls stets die, dass frauen viel engagierter die sache anpacken. es gibt zwar weibliche religionbeauftragtinnen, jedoch keine imamin. das ist theologisch nicht möglich.
ansonsten ist deine idee, das zu kombinieren generell sehr sinnvoll.
Conring,
es leuchtet mir schon ein, dass für SIE so eine Predigt langweilig ist. Vielleicht ist sie es aber nicht für gläubige Muslime? Der predigt doch nicht für SIE, Conring! (Das mache schon ich selber! Und wie gern kommen Sie hierher in MEINE Kirche, Conring!)
Für die künftigen Generationen wird sich auch der Predigtstil der Imame ändern müssen. Man sieht das an einigen Beispielen, die ich über YouTube in den USA beobachtet habe. Der Imam spricht dann natürlich Englisch, und er hat alles drauf, was ein evangelischer Prediger an Rhetorik und Charisma und Drive auch drauf haben muss, um nicht als langweilig empfunden zu werden.
@Ig
Jakobiner, den sie kritisieren, und ich sind nicht dieselbe Person.
Und dass sie jetzt hier eine KIRCHE betreiben wäre mir auch neu.
Ich hielt dass ganze eher für einen Ort, wo im Internet auch etwas kontroversere Meinungen aufeinander prallen können. Von Ihnen übrigens immer sehr gut moderiert und kommentiert. Dass ich jetzt ihnen nicht immer folge, haben Sie ja auch mitbekommen. Aber wir sind auch nicht in der KIRCHE oder in der MOSCHE.
In meinen Augen ist dieses Vorgehensweise ein Skandal, möglicherweise verfassungswidrig. Der deutsche Staat versucht hier, einen ihm genehmen Staatsislam zu schaffen. Dabei verstößt er auch gegen das Gleichbehandlungsprinzip – keine andere Religionsgemeinschaft würde sich diese Art der Bevormundung – bis hin zur Auswahl der Lehrenden – gefallen lassen. Der sogenannte “Beirat” darf fast nichts mitbestimmen, obwohl man dort von vornherein die meisten kritischen Stimmen herausgehalten hat.
Hinzu kommt, dass Hamdan, nach allem, was ich lese, keine islamisch anerkannte Lehrbefähigung hat.
Ich hoffe, dass keine Moschee jemanden mit dieser “Ausbildung” einstellt.
Ja, sicherlich. Wieso sollte man weiter darauf setzen, Imame aus dem Ausland zu holen?
Keineswegs. Man sollte aber die, die die ersten Imame und spätere Professoren ausbilden, von ordentlichen islamischen Hochschulen holen. Genau das wird aber verhindert.
Also lieber einen Imam haben, der aus der Türkei kommt, kaum Deutsch spricht, kaum Ahnung vom Leben in Deutschland und von den Bedürfnissen und von den Herausforderungen hat, die die Gläubigen hier in Deutschland entwickeln?
Wie wär’s, wenn die Muslime sich der deutschen Struktur insoweit anpassen, als sie eine Religionsgemeinschaft wie die Katholiken bilden, mit der Liste der Personen bzw. Familien, die Teil dieser Religionsgemeinschaft sein möchten? Dann könnte diese islamische Religionsgemeinschaft auch wie Katholiken und Protestanten über den Staat eine Steuer einziehen lassen, Geld, mit dem man die Imame zum Beispiel finanzieren könnte. Und operieren wie die Katholiken auch. Auf diese Weise wäre der Islam in Deutschland so frei wie die Katholische Kirche.
Schon klar, dass das ein für Muslime, für den Islam ungewöhnliches Modell ist – aber was soll’s? Es ist doch auch ungewöhnlich für Muslime, in einem Land zu leben, in dem sie eine kleine Minderheit sind und bleiben werden, und in dem es nicht zu vermeiden ist, dass ihre Kinder ständig nackte Busen zu sehen bekommen und ziemlich viele Mädchen ihre sexuellen Erfahrungen recht früh machen, ganz ohne Ehegedanken.
Die Religion muss sich ihrer Umwelt anpassen, wenn sie Bestand haben will.
Und noch etwas: Jede ISLAMISCHE Gesellschaft wird darauf achten, dass sie ISLAMISCH bleibt, nicht wahr? Und du würdest sagen, das darf sie auch, das muss sie auch. Und ich sage: In Ordnung.
Wenn das so ist, dann darf auch jede andere Gesellschaft, jede, die nicht-islamisch ist, darauf achten, dass sie ungefähr so bleibt, wie sie ist oder sein will.
(Etwas, das ich so großzügig interpretiere, dass man mich gelegentlich als Volksverräter, Landesverräter attackiert. Mein Ziel ist die Inklusion des Neuen und zunächst Fremden; ich sehe unsere Gesellschaft von vorne herein als pluralistisch definiert, sie verträgt nicht nur unterschiedliche Lebensentwürfe, sie braucht deren Vielfalt.)
Ich glaube nicht, dass eine islamische Gesellschaft gegenüber einer katholischen oder evangelischen Minderheit so großzügig sein würde, ihr völlige institutionelle (!) Gleichberechtigung zuzugestehen. Drum würde ich es als Muslim der deutschen Gesellschaft nicht vorwerfen, dass sie da ängstlich, nervös, manchmal auch etwas paranoisch reagiert – mit zu wenig Selbstbewusstsein.
Die deutsche Gesellschaft unterschätzt ihre eigene Integrationskraft. Da die meisten Leute immer nur den Augenblick sehen, merken sie nicht, wie der Islam so oder so mit der Zeit eingedeutscht werden wird, indem er Teil von Deutschland ist. Diesen Eindeutschungsprozess (vielleicht noch besser: Europäisierungsprozess) könnte man nur damit aufhalten, dass man den Islam bzw. die Muslime in Ghettos sperrt und sie vom Rest des Landes und seiner Kultur isoliert.
Das wollen die gläubigen Muslime überwiegend nicht. Man hat aber doch den Eindruck, dass manche von ihnen mit dem Gedanken spielen … als Möglichkeit, sich und die ihren REIN zu erhalten. So eine REINerhaltung des Islam ist aber in einer Diaspora-Umgebung kaum möglich (wie gesagt, vorausgesetzt, es bildet sich kein Ghetto).
Ob REINerhaltung in einem durch und durch islamischen Land möglich ist? – Eigentlich auch nicht. Es sei denn, es schottet sich vor der Globalisierung ab, so, wie die Taliban das versucht haben. Saudi-Arabien scheint mir ein übles Schizophrenie-Modell für eine Abschottung zu sein. Die Globalisierung wird die abgelegenen Gebiete, in denen noch das Alte schön traditionell gelebt und gedacht werden kann, durchdringen, und REINerhaltung wird nur noch in Form von Fundamentalismen als reales Phänomen möglich sein.
Fundamentalistische Religion ist nicht das, was wir hier in Europa fördern sollten …
Die Bildung von Religionsgemeinschaften wird seit Jahren von der Politik erfolgreich blockiert.
Mitgliederlisten – dazu wäre mehr Vertrauen nötig, als aktuell, auch aus begründeten Anlässen besteht. Denn: solange jedes Mitglied noch Nachteile befürchten muss, werden sehr viele die Bekanntgabe ihrer Mitgliedschaft scheuen.
Das ist das Eine. Dass es am Ende eine Gleichstellung mit den Kirchen geben soll, sehe ich auch – aber dazu wäre eben erforderlich, dass man den Islam anerkennt, ohne Rosinenpickerei und selbstherrliche Inhaltsbestimmung.
Ich kenne kein muslimischen Land, das den dortigen Christen in Ausbildung und Stellenbesetzung und Lehre hineinredet. Alle Möglichen Behinderungen – aber nicht in der Form, dass Einfluss auf die Religion genommen würde. Da liegst du falsch.
Wodurch soll jetzt von staatlicher Seite die Lehrfreiheit der neuen Fakultäten eingeschränkt sein?
Lehr- und Forschungsfreiheit geniessen die neuen Professoren und professorinnen genauso wie alle anderen universitären Forschern. Einschränkungen ergeben sich nur wie bei den christlcihen Kollegen durch die konfessionelle Bindung der Stellen. Diese Einschränkung het aber von den Religionsgemeinschaften aus.
Bei den Stellenbesetzungen spielt der Staat, außer das er den ganzen Spass bezahlt, überhaupt keine Rolle. Das ist sache der Fakultät und des Beirates.