Streit unter Muslimen: liberal vs. konservativ?

Das Verstehen lebt vom Unterscheiden. Insofern ist die aktuelle Debatte um den liberalen und den konservativen Islam eine gute Sache: Wir lernen besser verstehen, was ist Islam ist und sein kann.

Der Artikel setzt fort, was ich vor ein paar Tagen unter dem Titel ISLAM als Kultur – als Religion – als Ideologie begonnen habe.

Ich stelle ihn unter ein Motto:

Wer den Islam unterstützen will, wie ihn liberal-religiöse Menschen mit Sinn für Pluralismus leben wollen, muss den Islam insgesamt als die wunderbare Religion erkennen, die er tatsächlich ist.

Die Debatte zu meinem Artikel findet sich im MiGAZIN.

Beginnen wir mit Lamya Kaddors Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 8. August.

Die Islamverbände würden, so schreibt sie, inzwischen über eine Garde junger, gebildeter, eloquenter Sprecher verfügen, die etwa dann, wenn es wie in NRW um die Beratungen zum Inhalt des Religionsunterrichts geht, dominant konservativ aufzutreten verstehen – keineswegs fundamentalistisch, aber eben konservativ und der Überzeugung, dass es nur diesen einen Islam, den ihren gebe.

Lamya Kaddor erläutert nicht im Detail, worin dieser Islam konservativ ist, ihr Angriffspunkt auf die jungen Vertreter des alten Islam ist der Alleinvertretungsanspruch:

Zwischen Fundamentalismus und Liberal-Gläubigen fehlt ihnen ein klares Profil. Auch sie rennen letztlich der Illusion hinterher, dass es nur einen Islam geben könnte. Bitten, das eigene Bild von der Religion zu beschreiben, quittieren sie mit Schweigen oder dem oberflächlichen Hinweis, man folge dem Koran und dem Vorbild des Propheten Muhammad.

… Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt. Sie sind dagegen, dass sich jemand von ihnen abgrenzt. Das Praktische an der Dagegenhaltung ist: Man muss sich nicht mit eigenen Positionen befassen, und der Schein des Einvernehmens bleibt gewahrt.

Es ist schwierig mit dem innerislamischen Dialog. Auf der einen Seite muss man sich über wichtige theologische und Inhalte verständigen, auf der anderen Seite Unterschiede zulassen und die Vielfalt als Stärke begreifen. Fehlendes Profil und unwirsches Abwehrgehabe der Beteiligten verschärfen die Probleme. Bei der Einführung des Islamunterrichts könnte das zu einem Schlüsselmoment werden.

Lamya Kaddor warnt die nicht-muslimischen Partner davor, nur oder zu sehr auf die Sprecher dieses traditionalen Islam zu hören – und die durchaus zahlreichen Muslime, die längst in einer liberaleren Weise gläubig, aber kaum organisiert sind, zu übergehen.

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Auf diese Herausforderung antwortet Eren Güvercin im MiGAZIN, in seinem Artikel vom 18. August.

Eren Güvercin betreibt ein viel beachtetes Blog, grenzgängerbeatz, auf dem er überwiegend Fachleute, die etwas zu Migrationsfragen zu sagen haben, in glänzend geführten Interviews zu Wort kommen lässt.

Die Unterscheidung liberaler-konservativer Islam macht seiner Meinung nach keinen Sinn. Man könne nun mal nicht konservativ oder liberal beten.

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Güvercin hält diese Unterscheidung für politisch, sie verfehle und verzerre die religiöse Dimension, sie gehe an den religiösen Bedürfnissen der Gläubigen vorbei. In der deutschen Islamdebatte würden beide Formen des politischen Islam versuchen, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Es sei höchste Zeit,

… dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Was als nichtmuslimisches und staatliches Interesse hinter der Debatte stehe, entnimmt Güvercin einem Interview, das er mit dem Islamwissenschaftler Rainer Brunner von der Uni Freiburg geführt hat. Zusammengefasst:

Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Hier gehen die Interessen auseinander:

Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

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Für den Liberal-Islamischen-Bund (LIB) antwortet darauf Luay Radhan, ebenfalls im MiGAZIN (19. August).

Natürlich besitzt niemand das Interpretationsmonopol auf die Begriffe „liberal“ und „konservativ“, und Labels um der Labels willen sind sinnlos; aber wenn wir über die komplexen Phänomene unserer Realität reden oder schreiben brauchen wir nun einmal Begriffe, die etwas auf den Punkt bringen.

„Liberal“ („freiheitlich“) und „konservativ“ („bewahrend“) sind ja bei weitem nicht die einzigen Beschreibungen für Tendenzen im religiösen Denken, und ich halte sie auch für alles andere als ausreichend. Es geht noch differenzierter – humanistischer Islam, egalitärer Islam, antiautoritärer Islam – aber sind wir schon bereit, dies zu akzeptieren?

Wenn wir den Nichtmuslimen und Muslimen (!) in Deutschland und anderswo immer mehr bewusst machen, dass es im Islam neben einer konservativen auch schon immer eine liberale Strömung gegeben hat, dann wäre das ein gesellschaftlicher Wissenszuwachs, und ich halte diese Unterscheidung insbesondere für einen Fortschritt gegenüber der dogmatischen Zweiteilung „das ist islamisch und alles andere nicht“.

Wir als LIB verwenden die oben genannten Begriffe nicht inhaltsleer, was ich nun kurz erläutern möchte.

Es folgen mehrere Absätze, die beschreiben, worin die liberale Version des Islam besteht – und dass sie durchaus keine neue, sondern eine ursprüngliche Version sei – und eine Aufforderung zur Diskussion auch darüber.

(Die Debatte unter den beiden Artikeln im MiGAZIN möchte ich ebenfalls zur Lektüre empfehlen. Mit substanziellen Beiträgen haben sich bisher nur Befürworter von Radhans Argumentation gemeldet – und ein Gegner, der in seinem letzten Absatz ganz klar sagt: Keine Debatte mit den liberalen Muslimen!)

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Ich habe mich umgesehen und nach anderen, auch älteren Beiträgen zu diesem Thema gesucht. Mir fällt auf, dass kaum einer zu finden ist, der die Position der Islamverbände, die „konservative“ Position offensiv präsentiert.

Eine Ausnahme ist Akif Sahin, der “Islam-Blogger”.

(Auf ihn werde ich – vielleicht – in einem Kommentar zu diesem Artikel eingehen. Seine Position bezüglich Lamya Kaddor und LIB deckt sich mit derjenigen in der Islamischen Zeitung – siehe weiter unten.)

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Inhaltlich prägnant wird die Debatte – meines Wissens – bisher nur bei der Auseinandersetzung um Saphir.

Saphir 5/6 zeigt, wie ein eher liberal orientiertes Religionsbuch für den Islamunterricht aussehen kann. Es ist seit 2009 auf dem Markt und wird in einem Newsletter von ufuq diskutiert.

Die IMGM – Milli Görüs – kritisiert (u. a.):

• Zu viel Distanz zum Islam als Religion; kaum Verkündung von Glaubenswahrheiten, eher Vermittlung islamkundlicher Informationen – dies widerspreche dem Auftrag des GG.

• Zu wenig über die äußeren Formen, die Riten, etwa, wie man richtig betet; stattdessen stünde „der Aspekt der geistigen Zuwendung zu Gott“ im Vordergrund; das Gebet diene nicht nur zur seelischen Bindung und Erinnerung an Allah – die rituelle Form sowie die einzelnen Pflichten seien von zentraler Bedeutung.

• Der Islam erscheine nur als einer von vielen Wegen. Die Besonderheit des Islam und dementsprechend die Unterschiede zu anderen Religionen und der nicht-muslimischen Umwelt müssten stärker hervorgehoben werden.

Einer der Herausgeber des Buches, Harun Behr, antwortet – ich zitiere nach dem Newsletter von ufuq / Bundeszentrale für politische Bildung:

Während in der Moschee zum Beispiel gelehrt würde, wie man als Muslim fünfmal täglich richtig bete, ginge es ihm, so Behr, in einem bekenntnisorientierten Schulunterricht vor allem darum, dass sich die Schüler den Glauben und die religiösen Inhalte in einer reflektierenden Form aneignen. Behr zitiert dazu den berühmten islamischen Denker Maulana, dem zufolge „die Seele des Gebets“ und der Glaube wichtiger seien als das Gebet selbst.
Dementsprechend stehe im islamischen Religionsunterricht der Muslim als Mensch im Vordergrund. Das könne aber nur gelingen, wenn Lehrpläne und Lehrkräfte keinen Zweifel daran aufkommen ließen, „dass die Menschen nicht dazu da sind, Muslime zu werden, sondern dass der Islam dazu da ist, aus Menschen wahre Menschen zu machen, auf die die islamischen Kriterien von ‚Reife’ (kamal) und ‚Güte’ (salah) zutreffen“

Als Muslim, so Behr, reiche es ihm dabei nicht aus, sich auf „Autoritäten zu berufen“. Vielmehr nehme er für sich in Anspruch, Dinge nachprüfen und selbst über seinen Umgang mit ihnen entscheiden zu wollen. Der Koran selbst gebe dem Menschen die Freiheit zu der Entscheidung,„wie er mit Religion verfahren möchte“. Auch in ihrer Religiosität sehe er die muslimischen Schüler und Schülerinnen daher „als Individuen mit eigenem Kopf, als Menschen mit Herz, als Handelnde“. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, so spitzt Behr seine Aussage zu, sei ihm wichtiger als die nach islamischer Kleidung.

Was steht im Mittelpunkt:

• das Ziel, eine Gemeinschaft zu errichten (oder zu erhalten) und dafür die gemeinschaftsbildenden Rituale und äußeren Formen zu pflegen; oder

• das Ziel, die den religiösen Quellen innewohnenden Werte als Orientierung einer individuellen Lebensgestaltung von Muslimen hervorzuheben?

Das sind zwei unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Sie sind beide legitim, beide kompatibel mit dem Grundgesetz und unserem Wertesystem, auch wenn das zweite unserer heutigen Wertewelt – so weit sie überhaupt noch religiös ist – näher stehen mag und darum im Schulbuch zum Ausdruck kommt.

Für die IMGM schlägt Mustafa Yeneroglu einen Mittelweg vor: Das Einüben von Ritual und äußerer Form und das Rezitieren des Koran könne im Unterricht der Moschee geschehen, das Religionswissen und das Reflektieren über Religion hingegen im schulischen Religionsunterricht. Für diesen aber gelte:

Der Religionslehrer gestaltet den Unterricht aus dem Glauben heraus, nicht aus der Distanz. Er vermittelt, was geglaubt werden soll. Ziel ist in erster Linie die Stiftung einer positiven Identifikation mit der eigenen Religion.

Das entspreche ausdrücklich der Rechtsprechung zum Religionsunterricht.

(Zur Ergänzung: Die ausführliche Presse-Erklärung der IMGM zu Saphir 5/6)

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Sulaiman Wilms in der Islamischen Zeitung verreißt Lamya Kaddors Artikel. Kaddor denunziere die islamischen Verbände per se. Diese aber seien es, die den Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland repräsentieren würden.

Als Fachkraft sollte Lamya Kaddor wissen, dass entscheidende religiöse Praktiken wie das Freitags-, Toten- und Feiertagsgebet, aber auch Anfang und Ende des Ramadans, sowie die Einsammlung der Zakat und die Hadsch unverzichtbare gemeinschaftliche Elemente haben. Und bisher sind es, ob es uns gefällt oder nicht, muslimische Verbände (die übrigens nicht so monolithisch sind, wie sie es uns glauben machen will), die dieser Gemeinschaft einen Raum bieten. Was passiert, wenn einzelne subjektiv den „Geraden Weg“ definieren wollen, sieht man in den diversen Terrorakten der letzten Jahre.

An diesem Punkt wird auch die Frage nach dem Vertretungsanspruch entkräftet. Lamya Kaddor mag Recht haben, wenn sie sagt, die muslimischen Dachverbände repräsentieren nicht die nominelle Mehrheit aller Muslime. Aber es kommt bei der religiösen Lebenspraxis auch nicht auf „alle” Muslime an, sondern eben nur auf jene, die ihre Religion auch praktizieren. Der Rest ist, mit Verlaub, in diesem Zusammenhang irrelevant.

Genau so und nur so praktizieren, wie es Sulaiman Wilms für richtig hält? Unterschiede sind in Deutschland nicht so irrelevant, wie die Fanatiker des EINEN es gerne hätten, vor allem dann, wenn der Staat Verhandlungspartner ist.

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Drei Blogs von Muslimen diskutieren seit langem die Möglichkeiten eines – sagen wir: freiheitlichen und zugleich authentischen Islam.

Serdar Günes greift Lamya Kaddors Artikel und fünf bisherige Repliken dazu auf. Die Debatte sei keine rein inner-islamische. Zum Beispiel hängen sich auch Islamfeinde dran und fügen der Position von Lamya Kaddor erheblichen Schaden zu, indem sie falschen Beifall spenden.

Sein Resümee zielt auf eine Öffnung der Debatte:

Was gerne vergessen wird, ist die ideengeschichtliche Komponente der Inkulturation des „Islam“ in westlichen Ländern.

Dass die Begriffe „Liberal“ und „Konservativ“ (das können je nach Kontext auch ganz andere Begriffspaare sein) die Anknüpfung an die jeweiligen Kulturen (unabhängig davon ob sachlich richtig oder falsch sind) und insofern die Erkennbarkeit und Wiedererkennung ermöglicht, sollte bei der Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden.

Meiner Meinung nach erliegen die Akteure im islamischen Spektrum der essentialistischen Illusion, dass es „ursprüngliche“ also naturwüchsige islamische Begrifflichkeiten gäbe und daher neue Begriffe wie Fremdkörper wirken.

Eine historische Sichtweise würde hier abhelfen und zeigen, dass es keine zeitlosen „islamischen“ Begrifflichkeiten gibt, ja wir alles einer gewissen Übertragung und Verschmelzung zu verdanken haben.

Damit möchte er keiner Beliebigkeit das Wort reden, aber gegen den Kulturkampf sprechen. Man müsse zugestehen, dass es durchaus auch gute Argumente gebe, um „Innovationen“ abzulehnen, konservativ zu sein und nicht jedem Trend hinterherzulaufen.

Hakan Turan schreibt das Blog Andalusian. Eine besonders günstige Informationsquelle für jeden, der einmal einen gläubigen und nachdenkenden Muslim beim Nachdenken beobachten möchte.

Eine kleine Kostprobe liefert dieses Gedankenspiel zum Thema dieses Artikels (als Kommentar zu einem Artikel von Serdar Günes):

Kategorisieren hilft um Überblick zu schaffen, sollte aber wandelbar und kontextbezogen sein. In manchen Dingen empfinde ich mich als konservativ, in anderen als liberal, in anderen wiederum als orthodox. Die Begriffe habe ich mir nicht ausgesucht, das hat der liebe öffentliche Diskurs gemacht. Darum benutze ich sie – aber ausschließlich in bestimmten Kontexten, die jeweils expliziert werden müssen. Ich finde, es gibt weitere, vielleicht sogar noch interessantere Kategorisierungen bei Muslimen:

1) praktizierender und nicht praktizierender Moslem
2) reformorientierter und reformablehnender Moslem
3) analytisch denkender und auswendig lernender Moslem
4) kollektivbezogener und individuumbezogener Moslem
5) nationalistischer und nationalitätenrelativierender Moslem
6) dogmatischer (taklid) und hinterfragender (tahkik) Moslem
7) Arabien-(oder: Türkei-)zentrierter und Deutschland-zentrierter Moslem
8.) wissenschaftsbezogener und autoritätsbezogener Moslem
9) menschenliebender und menschenverachtender Moslem
etc. etc.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten zwischen diesen Kategorien, auch schließen sich die Gegenüberstellungen nicht immer zwingend aus. Der öffentliche Diskurs kennt diese weniger politischen, sondern pragmatischen Unterscheidungen nicht. Wir schon. Darum sollten wir uns um eine Publikmachung bemühen.

Das sind fruchtbare Unterscheidungen. Sie unterlaufen die naiven bzw. autoritäts- und machtorientierten Selbstverständlichkeiten des EINEN Islam (der zufällig immer grade genau der MEINE ist).

Resul Özcelik ist ein dritter im Bunde, der Integrationsblogger. Ich empfehle seinen klugen Artikel zum „Schubladendenken“.

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Schlussbetrachtung:

Der Islam gehört jetzt auch zu Deutschland.

Dieser Satz des Bundespräsidenten kann auch umgedreht werden. Deutschland gehört jetzt auch zum Islam.

Das heißt: Der Islam, der in Deutschland gelebt und geglaubt werden will, muss sich Deutschland öffnen – er muss sich mit den verschiedenen deutschen Kulturen, den pluralistischen deutschen Lebens- und Denkformen, den vielfältigen deutschen Lebensstilen, den instutionellen Bedingungen und Erwartungen arrangieren.

Es geht schon ein paar Generationen lang, dass die Gläubigen, mit denen die neue Religion eingewandert ist, erst einmal entschieden an den mitgebrachten Formen hängen und sie für unveränderlich halten. Das ist kein Dauerzustand, denn die Kinder der Kinder werden unvermeidlich ganz und gar Deutsche werden. Sollen sie es als gläubige Muslime werden, werden sie einen Islam brauchen, der sich den deutschen Kulturen und Denkweisen nicht als dauerhaft fremd gegenüber stellt.

Man muss dabei nicht mehr erwarten als von der katholischen Kirche. Auch die hat das Recht, gegen die herrschende Kultur an ihren traditionalen Formen festzuhalten – sogar auf Teufel komm raus. Man wird also auch an den Islam staatlicherseits keine Forderungen stellen dürfen, die in die Religionsfreiheit eingreifen. Aber der Staat steht bei Verhandlungen etwa um den Religionsunterricht einer gewissen Vielfalt der Islame gegenüber und wird darauf bestehen, dass diese Vielfalt berücksichtigt wird. Da wird es den Islamverbänden nicht viel helfen, wenn sie darauf beharren, dass es nur IHREN Islam gibt. Deutschland ist nun mal ein pluralistisches Land, und jeder, der MIT dem Pluralismus gehen kann, hat legitimerweise einen gewissen Vorteil.

Dass der Islam in Sachen Vielfalt eigentlich den christlichen Religionen überlegen sein müsste, zeigt die Geschichte des Islam, wie sie zum Beispiel Thomas Bauer erzählt:

Dadurch, dass es zahlreiche Richtungen und Sekten gibt, unterscheidet sich der Islam nicht vom Christentum. Wichtiger ist, dass innerhalb der Tradition des Hauptstroms des sunnitischen Islam Vielfalt bejaht und gepflegt wurde. Gelehrte haben seit dem 8. Jahrhundert zahllose Korankommentare verfasst, in denen sie bestrebt waren, möglichst viele Interpretationen einer Koranstelle zu sammeln. Rechtsgelehrte versuchten, aus kritischer Auslegung des Korans und der Überlieferungen des Propheten rechtliche Normen abzuleiten, was nie widerspruchslos vonstatten ging. Doch „Meinungsverschiedenheiten sind eine Gnade für meine Gemeinde“.

Dieser angebliche Ausspruch des Propheten Mohammed bildete die Maxime des klassischen islamischen Rechts. Die Meinungsvielfalt wurde regelrecht institutionalisiert, weil man nicht nur eine, sondern vier verschiedene Rechtsschulen akzeptierte und es innerhalb der Rechtsschulen wiederum mindestens so viele Meinungsverschiedenheiten gibt wie zwischen ihnen.

Meinungsvielfalt und das Eingeständnis, dass eine Welt und eine Religion ohne Widersprüche nicht möglich sind, kennzeichnen den klassischen Islam. Mit einem Begriff aus der Psychologie kann man von einer hohen Ambiguitätstoleranz des klassischen Islam sprechen. Phänomene der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit wurden akzeptiert. In der Literatur und der Kunst erfreute man sich daran, Ambiguität spielerisch zu erzeugen. In jenen Bereichen, die den Alltag regelten, wurde Ambiguität domestiziert, aber es wurde nicht versucht, sie auszulöschen.

Vielfalt ist eine Stärke. Auch in der Religion. Dieser Grundsatz sollte uns in der Debatte leiten. In ihm steckt der Respekt vor den Positionen der Islamverbände, aber auch die Forderung nach Respekt für liberale Muslime, sowie für Ahmadiyya und Aleviten.

Der inner-muslimische Dialog könnte sich an dem, was Navid Kermani für den Dialog zwischen Christen und Muslimen angeregt hat, orientieren. Man lernt seinen eigenen Glauben nur dadurch richtig kennen, wenn man den Glauben der anderen studiert.

Daß der Blick und der Kanon anderer Kulturen und Religionen notwendig ist, um den eigenen Kanon zu verstehen, ist keine neue Erkenntnis. Das haben die muslimischen Gelehrten in Bagdad und Basra gewußt, die durch die unmittelbare Auseinandersetzung mit christlichen und jüdischen Theologen dazu kamen, eine islamische Theologie zu entwickeln. Das haben die christlichen Scholastiker gewußt, deren intellektueller Horizont weit über das Christentum hinausreichte. Das hat der Jude Maimonides gewußt, der in Andalusien lebte und die islamische Philosophie bestimmt nicht deswegen studierte, um den Islam kennenzulernen, sondern um zu seiner eigenen, jüdischen Philosophie zu gelangen. Und auch heute liest ein christlicher Theologie wie Hans Zirker den Koran nicht zuletzt deshalb, um etwas über die Bibel zu erfahren, und beschäftigt sich ein iranischer Theologie wie der Ajatollah Mohammad Modschtahed Schabestari in Teheran mit der zeitgenössischen protestantischen Theologie, um seine eigene, die schiitische Theologie zu reformieren.

In einer pluralistischen Gesellschaft brauchen wir alle den Blick von außen auf unsere heiligsten Überzeugungen.

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Dieser Artikel erscheint gleichzeitig im MiGAZIN als mein wöchentlicher Beitrag. Ausnahmsweise decken sich die Artikel. Er sprengt von der Länge her das Maß eines Blogeintrags. Auch das bleibt eine Ausnahme.

39 Antworten

  1. Ich bin hier völlig auf der Seite von Sulaiman Willms, und auch der Kommentator “Rudolf Steinmetz” liegt nicht ganz daneben. Im Grunde spricht er doch vom Imamat-Prinzip, das die Tariqats auch pflegen. Das Imamat-Prinzip ist sehr wichtig, aber das ist wohl so schnell nicht zu schaffen. .Vorerst würde es reichen, wenn die einzelnen Gemeinden sich mal um mehr Einigkeit bemühen würden. “Unsere” Türken in Delmenhorst haben da ein Zeichen gesetzt:

    “Ein gutes Zeichen für das ganze Land”
    Von Helmuth Riewe
    Delmenhorst. Erstmals haben die drei Delmenhorster Moscheegemeinden am Mittwochabend im Commedia-Veranstaltungszentrum auf dem Nordwollegelände ein gemeinsames Iftar-Mahl veranstaltet. Beim traditionellen Fastenbrechen hatten sich unter die mehr als 250 Anwesenden als Ehrengäste auch Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan, der stellvertretende Generalkonsul Emin Melih Tezel (Hannover) sowie Oberbürgermeister Patrick de La Lanne gemischt.

    http://www.weser-kurier.de/Artikel/Region/Delmenhorst/430922/%22Ein-gutes-Zeichen-fuer-das-ganze-Land%22.html

  2. Oberbürgermeister Patrick de La Lanne griff die mehrfach genutzten Begriffe vom interkulturellen sowie vom interreligiösen Dialog auf. Ihm sei wichtig, dass in solche Gespräche auch Atheisten einbezogen würden. Er schlug die gemeinsame Orientierung an einem “Weltethos” vor, wie er von dem christlichen Theologen Hans Küng entwickelt worden sei. Dabei gehe es im Kern um Gewaltlosigkeit, Solidarität, Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter, also um einen weltweit erstrebenswerten Wertekanon.

    Wie passt DAS zu Sulaiman Wilms und seiner Weigerung, jemand wie Lamya Kaddor in den Dialog einzubeziehen?

  3. Es ging mir hier nur um die Einigung der drei GEmeinden, was ja geradezu revolutionär ist, nicht um die Aussagen unseres OB.

    Ich erkenne bei Wilms auch keinerlei “Weigerung”, die sogenannten “liberalen” Muslime in den Dialog einzubeziehen. Er kritisiert nur das undifferenzierte “Konservativen-Bashing”. So eine Spalterei bringt uns wirklich nicht weiter.

  4. Fatima,
    was verstehst du unter dem Imamatsprinzip? Die autoritäre Form der Unterordnung unter einen islamischen Bischof?
    Möchte der Islam (der Form nach) katholisch werden?

    Wilms legt fest, dass der Islam genau die Praxis hat, die er – Wilms – für richtig findet. Genau die und nur die. So klingt es.
    Es gibt aber keine völlige Einigkeit darüber unter Muslimen. So wie der Koran verschieden gelesen werden kann, so ist er auch unterschiedlich interpretierbar. Die Ambiguität, die Vielfalt der Bedeutungen von Gottes Wort wird von keinem Einheitsdenken aus der Welt geschafft werden können. Es herrscht Vielfalt auf der Welt, und wenn diese Welt Gottes Welt ist, dann ist diese Vielfalt gottgewollt. Einschließlich der Vielfalt innerhalb des Islam und der Vielfalt bei den Überlegungen, was denn der Koran in dieser oder jener Sure sagen will – und was nicht. Dann hat auch ein “liberales” Verständnis des Islam im Islam seinen Platz.

  5. Was finden sie am Islam eigentlich “wunderbar”?

  6. Fritz,
    da schlage ich vor, Sie lesen mal
    a) Navid Kermani: Gott ist schön
    b) Thomas Bauer: Kultur der Ambiguität
    c) Muhammad Asad: Der Weg nach Mekka
    d) Stefan Weidners Bücher

    Das alles zusammen gäbe Ihnen vielleicht einen Eindruck.

    Man sollte sich nicht am Salafismus orientierern, wenn man sich über die Qualität des Islam orientieren will. So wenig, wie man sich an amerikanischen Evangelikalen orientieren wird, wenn man sich für die Qualität des Christentums interessiert.

    Religiös ist man dadurch, dass man die Grenze des Irdischen spürt – und jenseits davon das, was uns hält. Das Göttliche. Wie sich das im einzelnen und in den einzelnen Kulturen und in den einzelnen Religionen ausprägt, ist recht verschieden, aber diejenigen, die es spüren, merken die Verwandtschaft ihres Erlebnisses. Es besteht – in meinen Worten – in der Wiederverzauberung der Realität, im Erleben der Realität als etwas Göttlichem. Das Glauben ist ein Spüren und Erleben, kein Denken, kein wissenschaftliches Unternehmen.

    Nehmen Sie das als Prämisse, und machen Sie sich dann auf die Reise hinein in die Religion!

  7. Herr Brux,

    Wodurch unterscheiden sich Salafisten denn von z.B. Ihren Freunden von Aggromigrant – mal abgesehen davon das bei den Salafisten eine Mehrheit offenbar drakonische Strafen befürwortet während ‘normale’ Muslime auch ganz gut ohne diese Sanktionen leben können? Ich sag’ mal insbesondere in der Außenwirkung (Andersgläubige = Ungläubige = “Orks”) überhaupt nicht, oder?

    Ich persönlich kann den Islam als Religion mittlerweile ja nicht mehr ernst nehmen da Religion aus meiner Sicht ein System ist das Menschen zu besseren Menschen machen sollten. Und ich kenne keinen sich selbst als gläubig bezeichnenden Menschen – egal welcher Glaubensgemeinschaft er sich auch zugehörig fühlen mag! – der sich so aufführen würden wie diese Typen. Sorry, aber in mein Bild von Religion passt das einfach nicht – und daran wird auch keine Bücherliste etwas ändern. ;-)

  8. Kalif,
    mit Salafismus haben die Texte bei Aggromigrant nichts zu tun. Sie verwechseln islamischen Glauben generell mit Salafismus.

    Wenn Sie persönlich keine positiven Erfahrungen mit gläubigen Menschen gemacht haben, dann kann es daran liegen, dass Sie einfach Pech gehabt haben, aber auch daran, dass Sie vor lauter Ressentiment solche Erfahrungen nicht machen können.

    Es lohnt sich nicht, mit unreligiösen Menschen über Religion zu sprechen. Das ist, wie wenn man mit gänzlich unmusikalischen Menschen über klassische Musik sprechen wollte. Die wissen im Grunde gar nicht, wovon man spricht, sie erleben die klassische Musik, von ein paar Rosinen abgesehen, als unverständlich, als Lärm.

  9. Alos mir als völlig unreligiösem Menschen ist das ziemlich fremd, was sie da schreiben, Grenze des irdischen, Wiederverzauberung der Realität usw. Nach wie vor gibt es nicht den leisesten Hinweis darauf, dass den Vorstellungen der Religionisten in der Realität auch nur irgendetwas entspricht. Ist ja jedem freigestellt, an Götter oder Werwölfe oder Aliens zu glauben, aber bitte nur für sich selbst, der Staat sollte sich davon fernhalten und vor allem darauf achten, dass die Religionisten ihre Mitmenschen nicht belästigen oder gar Macht über sie auszuüben trachten, wie sie das ja alle über jahrtausende so effektiv getan haben.

    Deshalb stehe ich Leuten wie ihnen, die dem Religiösen offenbar einen Eigenwert zumessen, mit einer gewissen Skepsis gegenüber.

    Eine Buchempfehlung habe ich auch für sie:

    Bei Amazon kaufen

  10. Herr Brux,
    wie Sie sagen, ‘Es lohnt sich nicht, mit unreligiösen Menschen über Religion zu sprechen’.

    Wenn Sie irgendetwas über Religion fabulieren wollen, auch noch über eine Religion die nicht Ihre eigene ist (Islam), müssen Sie erst mal sagen was IHRE Religion ist.
    Sonst können Sie auch nichts, aber auch gar nichts über Islam reden oder beurteilen!
    Denn wenn Sie selbst keine Religion haben, spreche Ihnen das Recht ab über andere Religionen überhaupt zu diskutieren.

  11. @kalif
    Kann Ihren Argumenten nicht ganz folgen. Sie widersprechen sich permanent: Religion ja, Religion nein, ????????????????????ßß

  12. Herr Brux,

    Sie biegen sich auch alles so hin wie Sie es gerne hätten, richtig? Wo bitte steht das denn? Ich habe sehr wohl sehr positive Erfahrungen mit Gläubigen gemacht und schätze – genau wie Sie, Herr Brux – religöse Menschen druchaus. Nur muss ich im Gegensatz zu Ihnen nicht alles töfte finden was im einem religiösen Gewand daherkommt weil ich sehe daß das einhalten tradierter Rituale einen nicht zwangsläufig zu einem gottesfürchtigen Mann macht.

    Und ich habe mich auch nicht auf die Texte bezogen sondern auf die Haltung der Autoren und Kommentatoren in Bezug auf Andersgläubige die sich mMn. eben nicht von anderen islamischen Schulen unterscheidet. Aber lassen wir das, mit einem Menschen der nicht bereit seine Scheuklappen abzulegen und auf sein Gegenüber einzugehen macht es keinen Sinn ein Gespräch führen zu wollen

    Adios!

  13. Zu Hildesvin:
    Ich schalte das nur mal zur Info frei … es gibt einen Eindruck, was da so gelegentlich alles im Spam landet. Hildesvin ist allerdings besonders krass. Ich möchte den anderen, die ich nicht freischalte, nicht unterstellen, zu Kategorie Hildesvar zu gehören.

    Kalif,
    Adios!
    Wo steht denn, dass ICH alles gut finde bei religiösen Menschen? – Ich mache allerdings den Unterschied zwischen dem, was ich gut oder ok finde und dem, was ich nicht gut finde, und dem, was durch die Religionsfreiheit nicht mehr gedeckt ist. Drei Kategorien, die ich auseinanderhalte. Sie auch, Kalif? Und ich maße mir nicht an, religiöse Überzeugungen und Praktiken anderer abzuwerten. Auch wenn ich sie in vielen Fällen nicht teile und in machen Fällen für problematisch halte.

    Ich bleibe dabei, mit Salafismus haben die von mir zitierten Kritiker des liberalen Islam nichts zu tun.

    Klaro,
    Ich muss nicht unbedingt sagen, was MEINE Religion ist, aber ich habe es auf diesem Blog schon gesagt. Warum sollte ich als religiöser Mensch nicht meine Gedanken zur Religiosität beisteuern? Religion ist für mich etwas Öffentliches, etwas Gesellschaftliches, also auch etwas, über das man kommuniziert. Da ist die Frage nicht, ob, sondern wie man kommuniziert.

    Fritz,
    als nicht-religiöser Mensch verstehen Sie mich nicht, so, wie ein nicht-musikalischer Mensch die Ausführungen eines Musikers zur Musik Beethovens vermutlich nicht nachvollziehen kann. Er wird sich immer wieder denken: Wovon spricht dieser Mensch nur? Ich verstehe kein Wort! So geht es Ihnen mit meiner Rede von der Religion.

    Das ist schon in Ordnung. Ich erhebe hierzu keinen Vorwurf. Ich habe darauf hingewiesen, dass es bei Religion – aus meiner Sicht – nicht um etwas geht, das man glaubt, sondern darum, WIE man das, was man erlebt, erlebt. Vor mir steht ein Glas mit Orangensaft. Der religiöse Blick sieht hier erst einmal dasselbe wie Sie, und dann noch etwas, über das ich mit Ihnen als nicht-religiösem Menschen weder reden kann noch reden muss. Um Ihnen doch einen Tipp zu geben: Er sieht bzw. erlebt den Zauber der Realität des Glases mit Orangensaft. Es öffnet sich die Tür zu einer anderen Dimension. Manchmal. Von selbst. In der Meditation. Immer als Überraschung. Leider (in meinem Fall) nicht nachhaltig. Einige werden über diese Erfahrung zum Künstler. Andere zum Weisen, oder zum Mönch, oder zum “Heiligen”, und einige sind sogar zum Religionsgründer geworden.

  14. Zu dem ewigen Wahn, Muslimen Etiketten anzuheften, ein guter Artikel im Migazin:

    http://www.migazin.de/2011/08/24/liberal-konservativ-plakativ-muslime-a-la-carte/

    Allein dass zwei Islamhasser (Prof. Nagel u. Prof. Spuler-Stegemann) im “Beraterkreis” des niedersächsischen Innenministerium sind, spricht schon eine deutliche Sprache!

    Dieser Absatz trifft den Nagel auf den Kopf:

    “Große Teile der Gesellschaft wünschen sich aber etwas anderes, und zwar den unsichtbaren Muslim à la Carte, der einmal im Jahr zum Zuckerfest in die Moschee ohne Minarett geht, Kopftücher ins Museum hängt, sich zwischendurch mal ein Bier zischt, im Ramadan die Rollos runtermacht und sich ganz im Necla-Kelek-Style durch den Genuss einer Bratwurst von seinen angeblich inneren Zwängen befreit. ”

    Genauso ist es. So wünschen sich viele die Muslime, wenn diese schon nicht bereit sind, den Islam ganz aufzugeben.

  15. Offen gesagt, halte ich Herrn Sahin – nicht nur wegen seiner Denunziationen hinsichtlich meines Blogs und seiner Rolle bei dem jüngst verstorbenen “PI-Leaks” – für eine Person mit zweifelhaften Ruf.

    Ich kann auf seiner Homepage nichts wirklich Liberales finden, auch wenn er das selbst behauptet. Meiner Meinung nach handelt es sich bei ihm um einen Vertreter des “modernen” rückwärtsgewandten Islam. (Also jemand, der durchaus die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft geniesst, jedoch insgeheim selbst an der Abschaffung oder Einschränkung dieser Freiheiten für andere arbeitet. Das mag hart klingen, jedoch kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass solche Leute ähnlich wie “PI” eine innere diktatorische Haltung haben. Freiheit ja – aber nur für sich selbst und die eigene Ideologie.)

    Man sollte sich nicht täuschen, es gäbe lediglich zwei Strömungen unter Muslimen – die liberale und die konservative. Gern gebe ich zu, dass ich kein Experte für den Islam bin, aber ich halte eine so simple Einteilung für absolut unrealistisch. Schliesslich gibt es auch im real existierenden Christentum bei uns -zig Gruppierungen hin bis zu Sekten. Auch die haben untereinander sicherlich “liberale” wie “konservative” Elemente.
    In einem sind sie sich jedoch alle einig: Jeder glaubt, den einzigen und richtigen Gott für sich gefunden zu haben, während alle anderen auf einem Irrweg seien.

  16. Als erwähnte Person erlaube ich mir doch einige Anmerkungen. Woher kommt denn der “Fanatiker”,den Sie in mir entdeckt haben? Als Islamische Zeitung haben wir uns in der Praxis wesentlich toleranter erwiesen als jene, die den Begriff für sich gepachtet habe.

    Lesen Sie diesen und viele andere Beiträge der Islamischen Zeitung genau, dann besteht unser Ansatz darin, die islamische Lebenspraxis und Lehre eben genau von politischen Etikettierungen fernzuhalten. Genauso würde ich es von mir weisen, mich selbst als “Konservativem” einzuordnen.

    Vielrmehr geht es mir um die Verteidigung einer legitimen Orthodoxie vor der ideologischen Vernutzung des Islams. Der Prophet sagte: “Der Din ist Leichtigkeit” und die Ulama: “Die Straße der Scharia ist breit”

    Werden wir konkret:
    1. Die Nutzung der Dialektik “liberal” und “konservativ” dient der Platzierung im öffentlichen Diskurs und der Ausgrenzung des anderen. Ein Blick auf die Webseite des LIB zeigt, dass wir es hier nicht mit einer lebendigen Wirklichkeit zu tun haben.

    2. Die Essenz der religiösen Lebensführung – gemeinhin, die fünf Säulen – lässt sich nicht als “konservativ” oder “liberal” qualifizieren. Das Problem lässt sich auf die simple Frage reduzieren: Kann man “liberal” oder “konservativ” beten?

    3. Kritikern der “Liberalen” wurde vorgehalten, sie können keine Inhalte definieren. Ich glaube, wir können mit 15 Jahren Herausgabe der Islamischen Zeitung, den dortigen Debatten und Konzepten gut dagegenhalten.

    4. Wollen Kaddor und Co. den Vorwurf entkräften, dass sie für die Galerie spielen, dann müssen sie in den Austausch mit ihren vermeintlichen Gegnern, den Verbänden und ja, auch mit Fanatikern wie mir treten, wollen sie glaubhaft bleiben.

  17. In der TAZ gibt es auch einen Artikel zu dem Thema. Ein Mitglied des Liberal-Islamischen-Bunds schreibt über den liberalen Islam und seine Daseinsberechtigung.

    http://www.taz.de/Debatte-Islam/!76794/

  18. Der Tazartikel beschreibt genau das, wie große Teile der Bevölkerung die Muslime gerne hätten.

    “Einmal umgekehrt gefragt: Wieso soll es im 21. Jahrhundert nicht auch in Deutschland, wie bereits in anderen Jahrhunderten und anderen Ländern, Muslime geben, die kontextuell, historisch oder philologisch an die heiligen Texte herangehen? Wieso sollen sich Teile des Islams sich nicht ähnlich entwickeln wie die liberalen und reformerischen Zweige des Judentums, und wieso sollen Muslime so unbeirrbar wie die Vertreter des Vatikans an Homophobie und dem Lippenbekenntnis zur vorehelichen Keuschheit festhalten?”

    Also der ganze Homohype, Feminismus und Gender mainstreaming pur.
    Götz Kubitschek hätte vermutlich seine Freude daran.

  19. Oha, Fatima, sind Sie schon bei der Sezession gelandet, LOL.
    Ihre Reise ist immer noch nicht zu Ende, sehe ich :-) Es bleibt spannend. Ich erwarte mit Spannung die Reaktion von Herrn Brux auf Herrn Wilms.
    Und Frau Kaddor liest hier glaube ich auch mit. Von dieser Debatte wird letztendlich ausgehen ob es einen Islamunterricht an deutschen Schulen geben wird. Momentan zweifele ich daran und zwar aus dem Grund weil so genannten Konservativen (von Frau Özoguz über Herrn Wilms und den Aggromigrant) die Souveränität fehlt Leitlinien und Ideen in die Debatte einzubringen. Man schimpft beleidigt aus der Ecke heraus: “Diese halbgaren Liberalen wollen uns UNSEREN Islam kaputtmachen!”

  20. Fatima,
    du missverstehst da was.
    Hilal Sezgin sagt nicht, dass DU oder irgend ein Muslim die Sache so sehen oder angehen muss wie sie. Sie sagt, dass der Weg derer, die sich liberale Muslime nennen, AUCH möglich sein muss.

    Du wirst verstehen, dass ich das als Deutscher und liberal religiöser Mensch unterstützen muss.

  21. Sulaiman Wilms,
    ich werde immer das Recht von Muslimen verteidigen, genau das zu machen, was Sie als das Richtige ansehen: die legitime Orthodoxie zu verteidigen. Das gehört mit zum Pluralismus, und es ist auch durchaus eine gesunde Sache. Ich bin nicht ohne Sympathie … und dennoch, ich gehöre von meinem religiösen Naturell her zur entgegengesetzten Tendenz. Ich kann kein orthodoxer Mensch sein. Wo es eine Orthodoxie gibt, werde ich wie von selbst zum Skeptiker, und fange an zu widersprechen. Orthodoxie ist für mich immer auch etwas, wogegen man sich als freier Mensch wehren muss.

    Da haben Sie etwas, das SIE als Dilemma empfinden, oder als Widerspruch – zugleich Sympathie für die Orthodoxen UND Eintreten gegen sie. Für mich ist es kein Widerspruch, sondern die unvermeidliche Reaktion auf die natürliche Ambiguität der Realität. Fast alles Gute beinhaltet Problematisches, fast alles Schlechte beinhaltet auch gute, konstruktive Elemente, und außerdem weiß man selten so genau, was nun jeweils was ist, und so bevorzugt man eine grundsätzlich pluralistische Herangehensweise – auch und gerade in der Religion. Die Menschen sind verschieden, also wird es auch entsprechend verschiedene Weltanschauungen und Religiosiäten und Religionen geben müssen – ohne dass eine sagen kann, die andern alle sind falsch.

    Diese Offenheit erlebe ich bei den “liberalen Muslimen”, ich merke sofort, mit denen bin ich geistig – seelisch – religiös verwandt. Und ich merke auch sofort, wie diejenigen, die meinen Sinn für Ambiguität nicht teilen, mich und meine Freunde auszugrenzen versuchen – uns sagen wollen: Was ihr bringt, das ist nicht rein, was ihr bringt, das ist nicht authentisch.

    Ich hab das massiv erlebt in den 70er Jahren, als ich Sozialist und Marxist war, aber kein “reiner”, und auch gar keine Lust und keine Neigung hatte, mich zu bemühen, irgend einer Orthodoxie mich zu unterwerfen. Was sich die Orthodoxiefanatiker da aufgeregt haben! Immer wieder!

    Ich empfinde die Verfechter der Orthodoxie generell als fanatisch, aber ich gebe zu, das Adjektiv ist hier vielleicht doch etwas zu hart und von mir etwas unfair gewählt. Auch unter den Orthodoxen gibt es erhebliche Unterschiede, die berücksichtigt sein wollen, auch da gibt es nachdenkliche und umsichtige und gelassene Formen und Vertreter, und wie gesagt, ich finde die drei orthodoxen Religionsverbände mit ihrem Islam durchaus nicht unsympathisch – ich wünsche ihnen einen guten weiteren Weg zur Integration des Islam in Deutschland.

    Auch die Katholische Kirche operiert ganz und gar orthodox, von oben nach unten (unorthodox widerständig gelegentlich von unten her), wieso sollen die Muslime dann nicht auch orthodox sein dürfen UND vom Staat, von der Gesellschaft und von mir persönlich anerkannt werden?

  22. dass ich jemals bei der Sezession “lande”, da sei Gott vor. Kubitschek äußerte nur mal die Hoffnung in einem Interview mit PI (hab ich glaub ich schon mal hier erwähnt), dass wir so dekadent werden sollen wie die Mehrheitsgesellschaft. Nebenbei, damit hat er auch noch seine eigenen Landsleute ziemlich pauschal beleidigt,

  23. ist die Frage was er unter Dekadenz versteht, ich vermute mal da liegen Sie und Er gar nicht so weit auseinander.
    Wenn er mit Dekadenz eine allgemeine Verwahrlosung bezeichnet, die man in jeder größeren deutschen Stadt sehen kann (Parks, Müll etc.) dann hat er wohl recht.

  24. Um noch mal auf den Fall Akif Sahin zurückzukommen:
    Ich habe mir nach einiger Recherche seine Argumentation und seine Replik auf Hakan Turan durchgelesen:
    Er hat starke Argumente auf seiner Seite was die Heilsexklusivität des Islams als “wahre Religion” die sich aus Koran und Sunna ableitet betrifft.
    Er macht aber einen Fehler den er meiner Meinung nach nicht machen sollte wenn er so etwas wie “Gottvertrauen” kennen würde: Er sieht es als problematisch an wenn man Juden und Christen als monotheistische Religionen bezeichnet und christliche Glaubenssätze sollte man als “shirk” betrachten wenn man nicht selbst in den Unglauben “kufr” verfallen will.
    Es ist also die nackte Angst vor Allah die ihn hier in die Abgrenzung zu anderen Religionen treibt. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber…

  25. Märklin,
    aus Koran und Sunna lässt sich viel Verschiedenes zu diesem Thema ableiten … Das Problem sind vor allem die Hirne, die meinen, dass es immer nur EINE richtige Ableitung geben dürfe und geben könne. Als ob Gott gewollt hätte, dass alle genau das Gleiche glauben. Wieso zum Teufel hat er dann alles so unendlich vielfältig geschaffen und so, dass man immer, wenn man EINHEIT herstellt, in der Katastrophe landet? Wieso hat er die Eskimos geschaffen und ihre animistische Religion? Zum Beispiel. Wer Gottvertrauen hat, lässt den Menschen ihre so sehr unterschiedlichen Wege – und freut sich daran.

    Fatima u. a.,
    wieso glaubt ihr, dass sich in Deutschland bzw. Europa nicht eine islamische Richtung entwickeln wird, die in einem bestimmte Sinne liberal (also “freiheitlich”, pluralistisch gestimmt) sein wird? Das ist doch völlig unvermeidlich. Und wieso soll ein nicht-muslimischer Deutscher sich nicht sagen, ja, das gefällt mir? Das Problem beginnt erst mit dem Alleinvertretungsanspruch. Solange alle Richtungen sich gegenseitig respektieren und sich miteinander vertragen, könnte der Islam grade durch seine Vielfalt zusätzlich attraktiv werden. Das Potential dazu hat er. Die theologische Tiefe kann er vermutlich auch erreichen, indem er an die Islamgelehrten der Zeit bis 1800 anknüpft …

    Wenn ich mir denke, was sein soll, dann schau ich mir die Menschen an – in diesem Fall die Muslime in Deutschland – und sage mir, jede Richtung soll ihren Islam entwickeln und einbringen können, und der Religionsunterricht soll die Vielfalt präsentieren und berücksichtigen. Da spielen die sogenannten “konsequenten” Muslime gewiss eine Hauptrolle, denn sie sind viele und gut organisiert, aber andere müssen auch ihre Rolle spielen können. Da es keine islamische Religionsgemeinschaft mit dem Status des körperschaftlichen Rechts gibt, hat der Staat hier die Möglichkeit, mitzureden und ein bisschen nachzuhelfen, was die Vielfalt angeht.

  26. “wieso glaubt ihr, dass sich in Deutschland bzw. Europa nicht eine islamische Richtung entwickeln wird, die in einem bestimmte Sinne liberal (also „freiheitlich“, pluralistisch gestimmt) sein wird?”

    ist er doch bereits, es gibt viele unterschiedliche Strömungen. Daher verstehe ich das ganze Trommelfeuer der sogenannten “Liberalen” nicht so wirklich. Die tun ja so, als ob sie wer weiß wie diskriminiert werden.

    “Da es keine islamische Religionsgemeinschaft mit dem Status des körperschaftlichen Rechts gibt, hat der Staat hier die Möglichkeit, mitzureden und ein bisschen nachzuhelfen, was die Vielfalt angeht.”

    ich würde vorschlagen, wenn der Staat schon meint, uns die Anerkennung verweigern zu müssen, soll er sich bitte auch aus allem anderen heraushalten.

  27. Eines dürfte mal klar sein, der Versuch, die Integration durch islamischen Religionsunterricht an allgemeinbildenden Schulen voranzutreiben, wird scheitern, weil zu viele Muslime eben nicht an Integration in irgendwelcher Form interessiert sind, sondern den Islam so leben wollen, wie es ihnen gefällt, egal was der Rest der Welt dazu sagt. Warum soll man sich auch in eine Gesellschaft integrieren, die die Wahrheit der einzig wahren religion nicht anerkennen will? das wäre doch “Shirk” oder “Kufr”, gelle?

  28. Fritz,
    demnach hätte auch katholischer Religionsunterricht scheitern müssen …
    Wie kommen Sie zu einer so pauschalen und totalen Formulierung wie dieser:

    weil zu viele Muslime eben nicht an Integration in irgendwelcher Form interessiert sind

    Da verrät sich der Hetzer. Sie beschäftigen sich scheinbar nie mit der katholischen Kirche und ihren Ansprüchen. Da könnten Sie sehen, dass die Integration selbst dann sehr gut funktioniert, wenn die Gesellschaft die wahre katholische Religion nicht anerkennen will und wenn Staat und Gesellschaft sündig wirken.

    Jeder will seiner Religion bzw. Weltanschauung gemäß so leben, wie es ihm gefällt – Sie ja wohl auch. Jeder wird dabei schon rein aus pragmatischen Gründen berücksichtigen, was der Rest der Welt dazu sagt, weil Autismus ziemlich schnell zum Scheitern führt.

  29. Fatima,
    woraus soll er sich zurückhalten?
    Meines Wissens hält er sich aus allem raus, was die Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften angeht.

    Die Anerkennung als Religionsgemeinschaften im Rahmen des körperschaftlichen Rechts könnten die Islamverbände sehr leicht bekommen – wenn sie einfach nur eine Mitgliederliste einreichen würden. Soweit ich sehe, fehlt es nur daran.

    DER STAAT hält sich raus. Die Gesellschaft weniger …

  30. Ich glaube, es scheitert wohl kaum an irgendwelchen Mitgliederlisten, sondern das Argument, mit dem die öffentliche Anerkennung verweigert wurde, war ja immer der angeblich “fehlende Ansprechpartner”. In den Islamverbänden könnte der nicht bestehen, weil sie nicht die Mehrheit der Muslime repräsentieren würden.
    Ich bezweifle allerdings, dass die großen Kirchen die Mehrheit der deutschen Christen repräsentieren, insofern ist das wohl nur wieder eine Ausrede.

  31. Der rechtlich legitimierte Ansprechpartner ist nicht da, weil die Mitgliederliste nicht da ist. Da fragt der Staat ganz formaljuristisch: Für wen sprechen Sie? Und egal wie klein oder separat die Religionsgemeinschaft ist: Sie legt eine Liste vor, klopft darauf und sagt: Für die da!
    So funktioniert das.
    Also: Mitgliederliste her!
    DITIB könnte einfach alle Moscheevereinsmitglieder samt Ehefrauen und erwachsene Kinder auf einer Liste unterschreiben lassen und dann als DITIB Körperschaft des Öffentlichen Rechts werden. (So jedenfalls hab ich die juristische Seite der Sache verstanden. Ist sie anders?)

    DITIB, Islamrat, Zentralrat und VIKZ könnten auch eine gemeinsame Mitgliederliste erstellen und vorlegen, einen gemeinsamen Islamverband gründen und als solcher Körperschaft des Öffentlichen Rechts werden. Wie wär’s damit?

  32. Leo, stimmt nicht. Es wurde in verschiedenen Bundesländern probiert, immer wieder mit verschiedenen Argumentationen abgelehnt, die Prozesse laufen teils, sind teils ruhend. Alleine die Betrachtung der verschiedenen vorgeschobenen Ablehnungsgründe sprechen Bände – interessanterweise war es kein Problem, die Aleviten schnellstens anzuerkennen. DAS ist nämlich der gewünschte “Islam light”.

  33. Wie ist das dann mit der Mitgliederliste?
    Wurde eine vorgelegt?

    Gibt es einen Ablehnungstext im Internet zu lesen?

    Bei Milli Görüs könnte ich mir vorstellen, dass die Behörden auch die Beobachtung durch den Verfassungsschutz anführen. Aber bei DITIB? Was – außer der Mitgliederliste – fehlt da?

  34. DITIB ist ein Problem, weil sie eine rein türkische Organisation ist und somit der verlängerte Arm der Türkei, was schon mir nicht gefällt, aber den nichtmusllimischen Deutschen natürlich noch weniger. Man hat immer so das Gefühl, dass die Türkei da bis hierhin hineinregiert.
    Am ehesten käme da der ZDM in Frage, oder am besten ein Zusammenschluss aus allen. Aber da gehts ja schon los. Kaum wird eine Gruppe “beobachtet” (werden die Linken auch soweit ich weiß), wird sie rausgeschmissen, und da machen wir natürlich nicht mit. Wenn schon wieder der Staat bestimmt, wer da auf der Liste stehen darf und wer nicht, ist die Sache von vornherein gestorben.

  35. @alien: So ist es, Euroislam light ist gewünscht. Wenn ein Islamlehrer beispielsweise sagt, Kopftuch ist Pflicht, wird das als “integrationshemmend” gebrandmarkt.
    Vielleicht ist es ja besser so, dann kann nicht so viel kontrolliert werden. Dumm ist dabei nur, dass da natürlich die Fördermittel fehlen, um z.B. islamische Schulen zu bauen, wie es in Österreich problemlos möglich ist.

  36. Leo, meinen sie, in einem islamischen Religionsunterricht ,der sich an den Vorstellungen von Akif Sahin orientiert, würde ein Beitrag zur Integration gelesitet? Wohl kaum.

  37. Leo, es gibt eine Klage von ZDM und Islamrat kombiniert in NRW – sämtliche Infos dazu müssten die Kollegen vom MiGazin im Archiv haben, fragen Sie einfach.
    Weiter gab es eine Klage von der hessischen IRH – kurz bevor ihr stattgegeben werden konnte, fand der hess. IM einen Dreh, sie in den Verfassungsschutzbericht aufzunehmen und damit die Ablehnung zu begründen. Ich glaube, das war der Vorfall, nachdem Ramazan Kuruyüz sein Testament zerriss und beschloss, sich doch lieber in der Türkei begraben zu lassen. Die PM habe ich vielleicht noch irgendwo.

    Ich stehe inzwischen auf dem Standpunkt, dass ich gegen staatlichen Islamunterricht bin, weil es offensichtlich so geplant werden soll, dass nur ein den Deutschen genehmer Staatsislam gelehrt werden darf.

  38. alien, Fatima,
    geht es denn nicht um die Mitgliederlisten? Ich versuch das rauszukriegen.

    Religionsunterricht in staatlichen Schulen wird integrativ sein müssen. Was sonst?
    Was hier integrativ heißt, ist eine politische, keine religiöse Frage. Darüber müssen wir also politisch reden. Ich persönlich würde da ziemlich großzügig Zugeständnisse machen. (Immer in Gedanken an das, was sich die katholische Amtskirche alles leisten kann.)

    Darf eine Religionslehrerin mit Kopftuch unterrichten? – Hier würde ich den Islamverbänden raten, hart beim Ja! zu bleiben. Der Staat setzt auf Pluralismus im Islam; also kann er nicht das Kopftuch verbieten.
    Kann im Curriculum stehen: Muslimische Frauen müssen die Haare vollständig bedecken? – Kaum. Das Curriculum kann sagen: Viele Muslime sehen es so, manche sehen es nicht so. – Das ist erstens die Realität, zweitens ein Standard, den Religionsunterricht beachten muss.

    Die AkifSahinFrage: Falls die Religionsverbände – was ich nicht glaube – ins Curriculum schreiben würden, dass diejenigen, die den Islam kennen gelernt haben und trotzdem nicht zu ihm übertreten, zur Hölle verdammt sind, würde ich das persönlich nehmen, es wäre für mich Anlass zu persönlichen Konsequenzen; der Staat sollte dann die Verhandlungen abbrechen und das Thema öffentlich thematisieren. Da möchte ich dann doch mal sehen, was die 3 oder 3,5 Millionen gläubigen Muslime selber sagen. Ob sie wirklich den Christen und Agnostikern in Deutschland allen die Hölle zuweisen, ganz egal, wie die sich menschlich verhalten. Sollen die Leute wirklich, wenn sie einen Muslim sehen, mit ihm sprechen, mit ihm zusammenarbeiten, mit ihm vielleicht sogar feiern, dies mit dem düsteren Wissen tun: Der sieht mich in der Hölle schmoren! Der schickt mich in die Hölle! Das Lächeln ist also falsch. Die Freundlichkeit ist also trügerisch.
    Mit einer AkifSahin-Einstellung würden sich die Muslime aus Deutschland hinauskatapultieren.

    Man sieht, die Sache wird interessant und heiß, wenn man mal wirklich zur Sache geht.

  39. Der Staat kann sehr wohl das Kopftuch für Lehrerinnen verbieten, lesen sie mal das entsprechende BVG-Urteil, in dem auf die negative Religionsfreiheit nichtreligiöser Menschen verwiesen wird. Möglich dass man da eine Ausnahme für den islamischen religionsunterricht machen könnte.

    Was Akif Sahin betrifft, bin ich voll ihrer Meinung. Es gibt ein schönes Wort von Rousseau: “Es ist unmöglich, mit Menschen, die man für verdammt hält, in Frieden zu leben; sie lieben hieße Gott hassen, der sie bestraft; man muss sie bekehren oder bekämpfen.” (Contrat Social, Kap. III)

    Genau das trifft hier zu, und ich glaube nicht, dass man auf Dauer in Frieden mit Fundamentalisten wie Sahin leben jann.

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