Die BBC macht jedes Jahr eine aufwändige Umfrage (über 28 000 Befragte) weltweit, um herauszufinden, wie hoch das Ansehen der wichtigen Länder bei den anderen ist. 27 Länder stehen diesmal auf der Liste. Die Fragestellung ist: Wie schätzen Sie den Einfluss dieses Landes auf die Welt ein?
Über das Ranking 2009 habe ich hier berichtet.
2011 bleibt Deutschland vorn – die Nummer 1 knapp vor Kanada.
Die erste Zahl steht für “Einfluss Deutschlands ist positiv”,
die zweite für “Einfluss Deutschlands ist negativ”.
Was zu 100 fehlt, bedeutet “Einfluss Deutschlands weder positiv noch negativ”.
(In Klammern: als Vergleich die Zahlen von 2009)
.
| Italien | 89: 4 | (84 : 5) |
| Frankreich | 84 : 9 | (81 : 6) |
| Spanien | 82 : 4 | (78 : 9) |
| Großbritannien | 77 : 10 | (68 : 13) |
| USA | 76 : 11 | (71 : 12) |
| Russland | 68 : 5 | (53 : 6) |
| Türkei | 53 : 28 | (44 : 36) |
| China | 50 : 39 | (65 : 22) |
| Japan | 37 : 4 | (41 : 3) |
| Indien | 37 : 19 | (35 : 11) |
| alle 27 (alle 21) | 61 : 15 | (61 : 15) |
Nicht auf der Liste: Griechenland. Dort ist unser deutsches Ansehen im Moment sehr gering.
Wir selber sehen uns überaus positiv: 82 Prozent der Deutschen finden Deutschlands Einfluss in der Welt positiv, 4 Prozent negativ, 14 Prozent weder noch.
Hier eine Rangliste der Länder, wie sie von den anderen gesehen werden:
- Deutschland 61 : 15
- Großbritannien 57 : 12
- Kanada 57 : 12
- Japan 57 : 20
- Frankreich 52 : 19
- Brasilien 49 : 20 (verzeichnet die stärkste Verbesserung)
- USA 49 : 31 (seit Obama stark verbessert!)
- China 44 : 38
- Indien 42 : 29
- Russland 34 : 38
- Israel 21 : 49
Die BBC-Studien gibt es als PDF.
Was verschafft Deutschland die Ehre, das Land zu sein, dessen Einfluss in der Welt alles in allem am positivsten eingeschätzt zu werden?
Die Qualität unserer Waren dürfte hier eine wesentliche Rolle spielen; auch die relative Zurückhaltung unserer Außenpolitik und unsere glaubwürdige “Vergangenheitsbewältigung”. Was Deutschland in besonderem Maße hat, nennt man “soft power”.
Keine schlechte Leistung für ein Land, das eine so grauenhafte Geschichte mitschleppt und in den Jahren nach 1945 das wohl mit Abstand am negativsten bewertete Land gewesen sein wird.
Wie sehen die Deutschen den Einfluss anderer Länder?
Zum Teil eher kritisch. Interessant, dass derEinfluss der USA immer noch überwiegend negativ eingeschätzt wird, und wie schlecht China, Russland und Israel wegkommen.
- Kanada 70 : 8
- Europäische Union 69 : 16
- Großbritannien 67 : 10
- Frankreich 62 : 21
- Japan 58 : 25
- USA 37 : 44
- Indien 35 : 33
- Brasilien 31 : 32
- China 24 : 62
- Russland 20 : 58
- Israel 15 : 65
Abgelegt unter: Deutschland, International, Umfrage
Interessant, in China wird Deutschland deutlich negativer betrachtet als in der Türkei. Das Ansehen ist in der Türkei sogar gestiegen (in China stark gesunken).
In welchem Zeitraum wurde da eigentlich gefragt? Das wäre vielleicht auch mal interessant zu wissen. Denn bei den Kapriolen dieser unserer Regierung der letzten paar Wochen frage ich mich schon ein wenig, wie das Ergebnis zustande gekommen ist.
Ich glaube, im Ausland bekommt man von diesen Kapriolen kaum etwas mit. Solange es kein Pogrom gegen Muslime oder Türken gibt, weiß in 20 von den 27 Ländern so gut wie niemand Genaueres über den Stand der Integration bei uns.
Was mich schon interessieren würde, wäre, warum Deutschland in China so viel an Ansehen verloren hat. Haben die Chinesen mitbekommen, dass wir Deutsche ihnen gegenüber ausgesprochen negativ eingestellt sind? 62% der Deutschen betrachten Chinas Einfluss auf die Welt als negativ. Das wird nur noch von Israel übertroffen.
Wenn ich dafür die Zeit gehabt hätte, hätte ich bei meinem China-Blog weitergemacht, um gegen das fundamentale deutsche Missverstehen von China anzukämpfen. Aber man kann nur EIN solches Blog schaffen, wenn man keine halbe Sache machen will.
Ihr seid nur “beliebt”, weil der Rest der Welt weit weg ist und Euch nicht richtig kennt.
Ausserdem seid Ihr Kartoffeln alle nur feige Zensoren.
Hier also mal eine authentisch deutschland-hasserische post.
Es gibt, wie man sieht, auch Deppen auf der anderen Seite des Spektrums.
Nur deshalb hab ich mal diese posts freigeschaltet.
Man fragt sich wirklich, was sich manche Leute denken, wenn sie posten. Wahrscheinlich denken sie überhaupt nicht. Sie kotzen nur. Was zeigt, dass sie krank sind.
Ich finde die Bezeichnung “Kartoffel” ja immer sehr seltsam. Die Leute, die sie benutzen, essen bestimmt 2-3 mal die Woche bei McBurger Pommes und knabbern abends Chips vor dem TV.
was ist denn so schlimm an uns deutschen?? das wir eines der besten sozialen netze der welt haben oder unsere wirtschaft im gegensatz zu anderen europäischen staaten nicht den bach runter geht…das alleinerziehe frauen nicht im keller eingesperrt werden…das ausländer die möglichkeit haben sich hier ein neues leben aufzubauen und das menschen jeder sexuellen orientierung offen in deutschland leben können…das einzig schlechte an deutschland ist das man sich nicht gegen deutschlandfeindliche kapriolen ungebildeter migranten währen kann, da man ja sonst ein nazi ist…daran muss mal was geändert werden…es fällt auch schwer jemanden in der gesellschaft aufzunehmen der an allem meckert und schlecht macht…so schön kanns ja im heimatland nicht sein wenn man ins so schlechte deutschland auswandert ;Oich habe selten ein so selbstgerechtes und intollerantes volk wie die türken erlebt und bin froh das deutschland nicht so ist!!!
Andre Brandes,
wir dürfen unterstellen: das Heimatland von Deniz Yücel heißt Deutschland.
Er spricht als Deutscher.
Darf man als Deutscher so wie Yücel über sein eigenes Land sprechen?
Freilich, ein Türke dürfte – in der Türkei – nicht so über die Türkei sprechen und schreiben.
Ich nehme an, ein Amerikaner auch nicht in den USA, jedenfalls nicht in einem der mainstream media.
Ob ein Franzose so über Frankreich schreiben könnte?
Wir sind schon ein besonderes Volk, und Yücel führt uns das wunderbar vor.
Wenn ICH die sarkastische Tirade von Yücel lese, werde ich richtig stolz auf mein eigenes Land.
Ja wenn die hiesigen Schreiber auch mal öfter im Ausland unterwegs wären, würden sie das besser verstehen. Aber der Ausländer interessiert ja nur als Migrant.
Tja, wir reiben uns die Augen, wundern uns und vermögen es kaum zu glauben. Wie auch? Tagtäglich wird in den Medien alles was in Politik und Wirtschaft hierzulande abgeht, kritisiert und schlecht geredet wo es nur geht: in Land A ist dies aber viel besser geregelt, in Land B ist man auf dem und dem Gebiet viel liberaler und so fort.
Man hat den Eindruck, man würde im rückständigsten Land Europas leben. Beispiel: “In keinem europäischen Land verunglücken so viele Kinder im Straßenverkehr wie in Deutschland!” Damit werden erstmal wieder Betroffenheit und Schuldgefühle suggeriert. Abgesehen davon, dass jedes verunglückte Kind eines zuviel ist: Was ist mit dieser zweifellos richtigen Aussage gewonnen? Deutschland ist ein europäisches Land, Luxemburg ist auch ein europäisches Land.
Da liegt es auf der Hand, wo mehr Kinder im Straßenverkehr verunglücken. über die Sicherheit im Straßenverkehr sagt das also überhaupt nichts aus. ich könnte noch genügend andere Beispiele bringen, aber das würde den Rahmen hier sprengen.
Ist es einmal unumgänglich, über etwas Positives zu berichten, wird sofort ein “wenn und aber” hinterher geschoben, so, als wolle man mit erhobenem Zeigefinger sagen:”Aber bildet Euch bloß nichts drauf ein!”
Eine alte Dame aus meinem Bekanntenkreis erzählte mir aus ihrem Sizilienurlaub, wie sehr die Sizilianer in höchsten Tönen von Deutschland geschwärmt hätten, wie perfekt dort alles sei, und es sei einfach das Land ihrer Träume. “Da muss man” so schloss sie, “erst nach Sizilien reisen, um einmal ein objektives Bild von Deutschland zu bekommen. Zu Hause würde ja alles nur schlecht geredet und mies gemacht. Und, das sei ja das Schlimme, würden ‘s die Leute alle glauben.
Hückinghaus,
ich glaube nicht, dass es in Deutschland viele Leute gibt, die glauben würden, “im rückständigsten Land” zu leben. Aber die Achtung, die Deutschland international erreicht hat, ist schon überraschend.
Ist es aber jetzt auch noch so – nach unserer nicht grade sympathischen Art, die Mittelmeer-Europäer nicht nur zu verunglimpfen, sondern auch durch unsere Finanzpolitik, die sie dem Ruin näher treibt?
Ich glaube nicht, dass wir in Griechenland oder Italien jetzt noch die guten Werte bekommen, die wir mal bekommen haben.
Müssen wir auch nicht – aber ich schäme mich schon über die fiese deutsche BILDzeitungsart, und die unsinnige Sparsamkeitskampagne in einer Zeit, in der man Investieren und ein wenig Inflation riskieren müsste, trägt auch nicht dazu bei, uns für kompetent zu halten. Eher für egoistisch.
InitiativGruppe:
Wieso sind W I R schuld an der ruinösen Finanzpolitik der Griechen
und Italiener? Diese Suppe haben die sich selbst eingebrockt!
Inwieweit besteht da unsererseits eine moralische Verpflichtung?
Da kommt in Ihrer Entgegnung unterschwellig wieder genau d a s
durch, was ich mit meinem Beitrag aufzeigen wollte.
Und wo – bitteschön – verunglimpfen wir Mittelmeereuropäer (“Spaghettifresser” ?)
Wenn überhaupt, dann nicht mehr als die uns auch! (“Kartoffelfresser”;
“Die Deutschen essen wie die Schweine!”).
Hückinghaus,
die griechische Finanzpolitik war ruinös, noch nicht unbedingt die italienische, und schon gar nicht die spanische. Wieso steckt aber Spanien in den selben Schwierigkeiten?
Bitte geben Sie mir eine Antwort auf genau diese Frage!
Die Eurokrise hat erst an zweiter Stelle zu tun mit dem Finanzgebaren der Regierungen der Mittelmeerländer (außer im Falle Griechenland).
Darum geht es im Artikel und in vielen Diskussionsbeiträgen. Sie, Hückinghaus, sollten sich mal an diesem Punkt Gedanken machen.
Noch ein Gesichtspunkt, auf den inzwischen sogar Standard & Poor’s aufmerksam macht: Deutschland hat mit seiner Wirtschaftsmacht Ungleichgewichte in der EU erzeugt, die auf die Dauern nicht haltbar sind: Deutschland hat zu niedrige Löhne, zu wenig Binnenkonjunktur, und nutzt dies dazu, auf längere Sicht ungesunde Exportüberschüsse zu erzeugen, die die Exportdefizite vieler anderer EU-Länder bedeuten. Es geht dabei nicht um Moral, sondern darum, dass das Krisen erzeugt und Europa mittelfristig sprengt.
INSOFERN sind wir mitschuld auch am griechischen Fiasko.
Deutschland, als einer der federführenden Staaten in der EU, hat es offensichtlich verpasst, damals dafür zu sorgen, ausreichende Regeln für den Euro zu erarbeiten, die griechischen Beitrittsgrundlagen zu überprüfen und hat in den letzten 1,5 Jahren nichts zur Problemlösung beigetragen. Genau da ist die Schuld zu finden. Die Hausaufgaben wurden nicht gemacht, wie Westerwelle es regelmäßig formuliert hat.
Dazu kommt dann natürlich noch die Lieblingsbeschäftigung der Medien, nämlich Nörgeln ohne Ende und dann fangen alle an mitzujammern. Es schaukelt sich dann hoch.
Ich würde hinzufügen: Wir unterstützen großzügig die Superreichen in Griechenland, lassen es zu, dass sie ihr Geld aus Griechenland flüchten, bestehen nicht darauf, dass Griechenland sein Finanzfiasko auch dadurch überwindet, dass es an den Besitz und das Einkommen der Superreichen rangeht.
Es sollte zur europäischen Einigung in Finanzfragen gehören, dass alle Euroländer die Reichen ihrer Länder kräftig besteuern und solche, die sich darum drücken, als Wirtschaftskriminelle behandeln und bestrafen. Fällt es nicht auf, dass dieser naheliegende Gesichtspunkt fast nie eine Rolle spielt in der Debatte und bei den Vorschlägen?
Da geht es nicht um Neid. Da geht es um hunderte von Milliarden. Um das Geld, das man dem Durchschnittsverdiener dann aus der Tasche ziehen muss, weil die Großverdiener so viel politische Macht gewonnen haben, dass sie sich die Steuergesetze auf ihre Bedürfnisse zuschnitzen können.
ZU Initiativgruppe
“Wenn ich dafür die Zeit gehabt hätte, hätte ich bei meinem China-Blog weitergemacht, um gegen das fundamentale deutsche Missverstehen von China anzukämpfen. Aber man kann nur EIN solches Blog schaffen, wenn man keine halbe Sache machen will.”
Ja, solch einen Chinablog wollte ich auch mal aufziehen. Vielleicht könnten wir das ja auch zusammen, falls noch Interesse besteht–geteilte Arbeit und geteiltes Artikelschreiben.
Warum das deutsche Ansehen in China relativ so abgesackt ist, ist mir auch nicht erklärlich.Der letzte antideutsche Affekt der Chinesen liegt schon etwas zurück und war im speziellen der Empfang des Dalai Lamas im Kanzleramt.Da tobte eine antideutsche Welle in China und Merkel prangte auch als böse Hexe in der parteiabhängigen Global Times auf der Titelseite.Aber das ist schon länger her.Ich habe auch in den chinesischen Zeitungen in der letzten Zeit jetzt auch keine dezidiert antideutsche Stimmungsmache feststellen können.Das wäre näher zu untersuchen:Aber immerhin 50% der Chinesen sehen Deutschland ja noch als positiv an.
Reizvoller Vorschlag – aber:
Ganz oder gar nicht.
Das Migrationsblog hier funktioniert, weil ich mich ihm GANZ widme. Ich kann mich, wenn ich auswärts bin und arbeite oder in einem Gremium sitze, schon noch abnabeln, ich kann es auch, wenn ich einen Roman oder ein Sachbuch lese – aber sonst drehen sich meine Gedanken ständig um das Blog.
Wenn ich ein zweites Blog dazunähme, würde es schwierig. Mein Hirn mag sowas nicht.
Ich kann fünf Bücher von völlig verschiedener Art und mit völlig verschiedenen Themen parallel lesen – aber ich kann nicht zwei Leidenschaften zugleich frönen. Da scheine ich “monogam” zu sein.
Ich hatte beim Konfuzius-Institut in München schon einen recht hübschen Anfang mit einem China-Blog gemacht; hätte ich mich ihm ganz widmen können, wär ich dabei geblieben – und ich bin mir sicher: mit Erfolg. So ein politischer Pro-China-Blog ist eine gradezu magnetisch auf mich wirkende Marktlücke. Außerdem gefällt mir die Begrenzung, die man sich auferlegen muss, wenn man für eine durchaus empfindliche Institution wie ein Konfuzius-Institut bloggt.
Ich musste das Projekt aufgeben, weil ich nicht zwei Seelen, ach, in meiner Brust wohnen lassen kann. Und mir bliebe ansonsten überhaupt keine Zeit mehr, jeden Tag etwas zu machen, das weder mit dem Bloggen noch mit dem Geldverdienen noch mit den ehrenamtlichen politisch-praktischen Engagements zu tun hat.
Ich plane etwas anderes: Facebook parallel zum Blog. Mal sehen, ob das was wird.
Ein anderes Traumprojekt, aus dem nichts werden wird: Ein USA-Blog. Täglich ein paar Highlights aus US-Blogs, von mir übersetzt und zur Debatte auf Deutsch angeboten.
Und natürlich: Deutsche Außenpolitik.
Eine weitere, ganz andere Möglichkeit: Ein Marc-Aurel-Blog. Und ein Gallienus-Blog (röm. Kaiser 253-268, den am meisten unterschätzten).
Zerreiss dich nicht, konzentriere dich und das tust du ja. Ich selber wollte auch keinen Pro-China-Blog oder Konfuziusinsitut, da dies dann eine Propagndabateilung der KP China wäre. Ich würde einen China-Blog, wo man beide Seiten, die KP China und die Oppostion hört.Man kann nicht sagen “China verstehen” und sich dann vom Konfuizius-Institut abhängig machen. Leider ist unser damaliges “China-Forum” an dieser Unvereinbarkeit eingegangen, da beide Seiten immer versuchen, die Hegemonie zu erringen.
@IG
bei einem Marc-Aurel-Blog wäre ich einer ihrer treuen Leser (schreckt sie wahrscheinlich erst recht ab).
Aber wieso Gallienus? Der teilt doch mit allen Imperatoren des 3. Jahrhudnerts n.Chr. das große Problem das die Quellenlage jenseits der Historia Augusta mit all ihren Fallstricken miserabel ist.
Genau.
Grade das hat es mir ermöglicht, ALLES über ihn zu lesen, was es auf Deutsch, Englisch und Französisch gibt (ist auch alles über ihn vom Lateinischen bzw. Griechischen in die drei Sprachen, die ich lesen kann, übersetzt worden).
Bei keinem Kaiser gibt’s so viel Verwirrung unter den Experten. Bis heute weiß man nicht zu 100 Prozent, ob der dramatische Umschlag rund um den Untergang seines Vaters Valerian im Kampf mit den Sassaniden – mit all den dramatischen Folgen, die dem Römischen Reich beinahe den Untergang gebracht hätten – nun im Jahre 259 oder 260 stattgefunden hat. (Wahrscheinlich ist nach dem Siegesaltar-Fund in Augsburg das Jahr 260.) Da drängen sich ein Dutzend Großereignisse auf ca. zwei Jahre zusammen, 7 oder 8 parallele oder einander ablösende Usurpationen, darunter die gallorömische in Köln, dazu die gewaltigen Einfälle der Franken, Alamannen/Juthungen, Goten und Sarmaten, der heiße Krieg im Orient mit den Sassaniden …
Das ist mein Fall! Grade weil alles so unauflösbar verwirrend ist und man so große Schwierigkeiten hat, sich alles vernünftig zusammenzureimen, grade weil das Problem eigentlich unlösbar ist, gefällt es mir.
Wie hat es Gallienus geschafft, in dieser wüsten Situation, in der ALLES Unglück auf das Römische Reich hereinzubrechen scheint, oben zu bleiben und sich und das Reich zu retten?
Hinzu kommt, dass der Moment des Umschwungs vom Römischen Reiches hin zu den neuen Strukturen der Spätantike vielleicht (!) nicht primär erst bei Diokletian passiert, sondern bei Gallienus.
Faszinierend finde ich auch die christliche Kirche der Zeit vor Konstantin – nicht in dem romantischen Sinne eines “Urchristentums”, sondern als perverse extremistische Sekte und (!) Massenbewegung. Wenn ich zum Beispiel Peter Brown dazu lese, kriegt ich mich kaum noch ein vor lauter Befremden, so fassungslos macht mich die heiße neurotische, verrückte Gläubigkeit der “Martyrer” und derer, die es unbedingt werden wollen. Ich kenne keinen größeren Gegensatz zu unserer hedonistischen Welt als die Welt der Christen des 2. und 3. Jahrhunderts im Römischen Reich.
Schade, dass uns kein zweiter Tacitus die “Historien” der Jahre 259/260 geschrieben hat. Was macht man da als neugieriger Forscher? – Mancherlei Sachliches macht man, aber es regt auch die Phantasie an, sich ins Unbekannte und Unsichere hineinzutasten … und dabei nie zu vergessen: Nix Gwießes woas ma ned.
@Ig
Hedonisten gab es auch im 3. Jahrhundert n Chr. Die Angänger der epikureischen Philosophie.Der epikuereische Hodenismus ist auch eine Sache, zu der ich mich verpflichtet fülle.
Kennen Sie eigentlich das Buch von Paul Veyne “Als uns Welt christlich wurde”.
Steht bei mir im Bücherschrank und wartet darauf, gelesen zu werden. Vielleicht schon jetzt in den Weihnachtsferien.
Hedonisten, Epikureer gab’s allerdings im 3. Jahrhundert auch noch – aber die waren arg in der Defensive. Man hört fast nichts mehr von ihnen, außer in den Texten ihrer Todfeinde, der Christen. Die Leidenszeit des Reiches war auch eine Leidenszeit der Bevölkerung; das ist keine gute Zeit für Epikureer.
@Ig
bei der Lektüre von Veyne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen (ich halte es für ein wirklich geniales Werk).
Die Krisen des Imperiums im dritten, vierten und fünften Jahrhunderts n Chr., waren alleridngs doch den äußeren Einwirken mehr geschuldert als den ideologischen Auseinandersetzungen im Inneren,
Das Römische Reich hatte immer weniger Vitalität, um sich den veränderten Umweltbedingungen und den inneren Strukturveränderungen anzupassen. Es ist “alt” geworden. Es hat sich zwar zwischen Gallienus und Konstantin nochmal stark verändert, aber hin zu einer Verhärtung und Starre, die dem Ansturm von außen nur im Ostteil noch gewachsen war.
Zu wenig Mitte ist geblieben, zu viel ist nach unten abgesunken – und zu viel wurde oben konzentriert. Gesellschaften waren eben auch schon in der Antike durch ihre vitale Mitte stark. Oft ist es die obere Mitte. Aber wenn sich fast alles auf eine winzige Elite ganz oben konzentriert, stirbt der Körper allmählich ab, d. h. er verliert an Widerstandsfähigkeit und wird leicht Opfer von Angriffen von außen.
Womit wir bei einem Thema des Blogs wären: Man mache die Mitte stark! Hier und heute in Europa, in Deutschland! Je mehr Geld und Macht nach oben wandert, je mehr die Mitte entmachtet wird und prekär zu leben beginnt, desto schwächer wird die ganze Gesellschaft.
Was wissen wir über dieses Krisenjahr im dritten Jahrhundert? Zunächst wenig. Die Quellenlage ist sehr schlecht. Der jüngste Bericht zu Valerian und den Ereignissen zu seiner Regierungszeit stammen aus der Zeit vom Ende des 4. Jahrhunderts, ist also knapp 100 Jahre jünger. Die Berichte christlicher Autoren sind wegen ihrer starken Tendenz nicht objektiv.
Seit 235 herrschte wieder einmal Krieg mit dem Sassaniden-Reich im Osten. Plötzlich mussten große Truppenkontingente in den Osten des Reiches verlegt werden. Das ist, bzw. war die große Politik. Das nutzten benachbarte Stämme der Juthungen und Alamannen zu Raubzügen auf Reichsgebiet. Die Barbaren nützten die militärischen Defizite an der Grenze zu Raubzügen. Das zur politischen Situation.
Das frühe Christentum war sehr einfach strukturiert. Die Mitglieder passten sich zwar in der Kleidung ihrer regionalen Umgebung an, sonderten sich aber von Feiern und religiösen Veranstaltungen ab. Die Christen lebten in einer Naherwartung: der Weltuntergang stand – nach Ansicht der ersten Christen – direkt vor der Tür.
Beim Blick auf die Verhältnisse dieser Zeit muss man in Richtung stellen, dass nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung, sozial an der Spitze der Gesellschaft lokalisiert, schrankenlosen Luxus, kurz, „spätrömische Dekadenz“ genießen konnte. Menschen, die nicht dem Senatoren- und dem Rittestand angehörten, lebten in – nach unseren Maßstäben gemessen – prekären Verhältnissen: viele Frauen waren früh verwitwet und lebten mit ihren Kindern von der Hand in den Mund. Das zur freien Bevölkerung. Daneben lebte noch ein großer Teil der Reichsbevölkerung als Sklaven. Wobei Sklaven – darunter Fachkräfte – in großem Wohlstand leben konnten, verlief das Leben der meisten Sklaven ärmlich. Halten wir fest: mit unserem Hedonismus können wir diese Zeit nicht vergleichen.
Die antropomorphen Götter, die antiken Götter, die Menschen nur allzu ähnlich waren mit ihren Schwächen verloren damals ihre Anziehungskraft. Orientalische Kulte, wie der Mithras-Kult zogen schon lange mehr Anhänger an. Mit Blick auf die religiösen Verhältnisse könnte man von einer Wendezeit sprechen. Das Christentum war ein neuer Kult unter vielen. Allerdings ein besonders radikaler: ein Christ durfte nicht gleichzeitig andere Götter verehren. Das Christentum war eine ausgesprochene „Stadtreligion“. In den Städten mit vielen am Existenzminimum lebenden Menschen wirkte die christliche Caritas, die Nächstenliebe. Die Gemeindemitglieder unterstützten einander. So entstanden soziale Netzwerke, die den Zusammenhalt verstärkten.
Angesichts der wiederkehrenden Barabareneinfälle ins Reich, den häufigen Bürgerkriegen, einer Wirtschaftskrise und Epidemien schien ein nahes Weltende vielen Menschen nicht so abwegig. Die christlichen Gemeinden hatten sich erst im Laufe des ersten Jahrhunderts vom Judentum gelöst. Sueton berichtet zur Zeit des Kaisers Claudius (41 – 54 n. Chr.), die Juden Roms seien nackt an Eselsschwänze gebunden aus der Stadt getrieben worden, da sie Aufruhr verursacht hätten, auf Anstiftung eines gewissen „Chrestos“. Aus Gemeindetexten vom Ende des 1. Jahrhunderts wissen wir, dass die Christen in Rom damals noch jüdische Speiseregeln einhielten. Eine durchdachte Theologie erhielt das Christentum dennoch erst im 4. Jahrhundert. Der Weltuntergang ließ auf sich warten – schließlich lernten Kirchenlehrer ihn theologisch zu deuten. Unter dem Einfluss der platonischen Lehre gelang es im Lauf der Jahrhunderte, dem Christentum ein abgerundetes Lehrgebäude zu errichten.
Für Epikureer – mit Hedonismus hat das Epikureertum wenig zu tun – war das dritte Jahrhundert keine gute Zeit. Eine kriegerische Epoche, in der epikureisches Denken keine bedeutenden Anhänger fand.
Von 249 bis 251 herrschte Kaiser Decius, ein Militär aus den Donauprovinzen. Dieser Kaiser stammte aus dem Ritterstand und nicht dem Senatorenstand. Die Ritter durchliefen eine langjährige, praktische Militärausbildung. Diese Männer waren in unruhigen Zeiten eher zur Führung befähigt. Angesichts der nahenden 1000–Jahrfeier Roms versuchte Caius Messius Quintus Trajanus Decius seinen „ledernen Erzkonservatismus“ mit einer erzwungenen Rückkehr zum alten Götterhimmel zu erzwingen. Jeder Familienvorstand musste den Göttern opfern. Für Christen war das unmöglich, ohne von ihrem Glauben abzufallen. Hier begann der Konflikt. Sein Sohn Valerian nahm einen zweiten Anlauf, um das Christentum abzuschaffen – vergebens. Die letzte große und rechtlich sanktionierte Christenverfolgung endete 313 n. Chr. Mit dem Edikt von Mailand war das Christentum legal.
Gallienus gelang es erst im Laufe eines Jahrzehnts die Kontrolle zurückzugewinnen. Dieser Kaiser verfolgte die christlichen Gemeinden nicht. Das „Gallische Sonderreich“, eine Abspaltung, die seit 259 in den gallischen und britannischen Provinzen bestand, konnte er zunächst nicht zurückerobern. Dies gelang erst 274. Wir wissen von ihm nur, dass er Teile der diokletianischen Reformen vorwegnahm.
Um 260 war wohl auch die Provinz Reatien kurze Zeit Teil des Gallischen Sonderreiches. Dies wird im Text des Siegesaltars erwähnt – dort wird der Name „Posthumus“ erwähnt, der allerdings erradiert, also später entfernt wurde. Auf die kurze Zeit verweisen die wenigen Münzen des Sonderreiches, die im Gebiet der Provinz gefunden wurden.
Ich hoffe diese Erklärung war nicht zu lang!
Das gibt einen guten Überblick.
(Valerian war aber nicht der Sohn des Decius.)
Ein Grund, warum mich grade diese in mehrerlei Hinsicht “dunkle” Zeit der Soldatenkaiser interessiert, ist die “Dunkelheit” ebenso wie das Gefühl, dass in dieser zeugenarmen Zeit der eigentliche Umschwung geschehen ist. Um nicht unterzugehen, hat sich das Römische Reich fundamental geändert. Nicht auf einen Schlag, sondern in einer Reihe von mühsamen und durch die Verhältnisse erzwungenen Strukturwandlungen. Auch durch das Wachsen einer neuen Religion, die so ganz anders war als das, was “normal” war. (Das Christentum von damals hat kaum eine Ähnlichkeit mit dem heutigen. Das nur nebenbei, damit jetzt niemand das heutige Christentum ins 3. Jahrundert hineindenkt.)
Das Gesamtresultat erscheint uns – nach unserem heutigen Geschmack – als extrem unsympathisch. Konstantin ist ein großer Name, aber wenn man sich vertieft in die Einzelheiten dieser neuen römischen Welt, kriegt man das Grausen. Die alte römische Welt (die der Republik und die der frühen Kaiserzeit) scheint uns viel näher zu sein. Der Fortschritt zwischen Septimius Severus und Konstantin bzw. Theodosius war ein Rückschritt. Unvermeidlicherweise.
Der Fortschritt als Rückschritt. Der Rückschritt als Fortschritt. Die Begriffe fangen an zu tanzen.