Ägyptens Zukunft, mit dem historischen Fernrohr beobachtet

Wie wird es in Ägypten weiter gehen?

Längerfristig (!) sehe ich das so:

1. Die Muslimbrüder sind und bleiben die wichtigste Macht neben dem Militär. Sie werden sich vielleicht spalten in einen moderaten Teil, der mit dem Regime kooperiert, und einem jüngeren, radikaleren Teil, der auf Demokratie und Revolution beharrt.  Für beide Teile gilt: Eine klare Trennung von Staat und Religion haben sie eigentlich nicht im Sinn. Würden sie an der Regierung beteiligt sein oder die Regierung dominieren, würde es noch mehr religiöse Bevormundung geben als bisher. Es würde also wenigstens ein bisschen theokratisch werden, wenn die Muslimbrüder tatsächlich die Regierung übernehmen würden.

2. Werden sie? – Zunächst nicht. Beim Aufstand sind sie nur am Rande in Erscheinung getreten. Sie haben den Aufruhr dem nicht unreligiösen, aber doch eher säkular orientierten urbanen Mittelstand überlassen. Wenn aber einmal frei und fair gewählt wird, dann werden das Dorf und die Kleinstadt mitwählen – das ist mindestens das halbe Ägypten. Mit den Stimmen aus den städtischen Slums die Mehrheit der Ägypter. Die ist traditional religiös, sehr viel mehr als die urbane Mittelschicht. Es wird also eine sehr religiöse Mehrheit im Parlament geben. (Das setzt natürlich voraus, dass es überhaupt zu einigermaßen fairen und freien Wahlen kommt. Da hab ich auch Zweifel. Siehe 6.)

3. Wie weit werden die Muslimbrüder gehen? – Ich weiß es nicht. Vielleicht bleiben sie moderat. Aber es gibt auch so etwas wie eine Revolutionsdynamik. (Davon scheinen die meisten Kommentatoren nichts zu wissen.) Druck von innen und außen, die Gefahr der Konterrevolution pflegt Revolutionen zu radikalisieren. Männer kommen an die Spitze, die einen schärferen Kurs befürworten … Muss ich die Revolutionen seit 1789 alle aufzählen, in denen das Phänomen zu beobachten ist? (Wir sind jetzt bei Stufe 1. Ich spreche hier von Stufe 4 oder 5.)

4. Also bin ich gegen die Revolution? – Im Gegenteil. Mich schreckt die Gefahr nicht – denn wir entgehen ihr ohnehin nicht.  Ägypten wird den Weg einer zunächst einmal wenigstens halb-theokratischen Staatsform gehen müssen. Einfach deshalb, weil dies – meines Wissens (das unzureichend sein mag) – einer Mehrheit des Volkes entspricht. Wenn diese Revolution mittelfristig abgewürgt würde, käme sie wieder, möglicherweise radikaler, heftiger, als wenn man sie dulden würde.

5. Und das Militär? – Gute Frage. Das Militär wird seine perversen Privilegien mit Zähnen und Klauen verteidigen. Das wird jede Regierung erst einmal respektieren müssen. Aber nach ein paar Jahren, wenn sich die Regierung getragen von Volkes Willen etabliert hat, wird sie den Versuch machen müssen, das Militär als Staat im Staate zu bändigen und ihm die ökonomischen Polypenarme abzuschlagen. Bei dem Versuch wird’s kritisch. Siehe 3.

6. Und wie geht das Drama kurzfristig aus? –Das Militär setzt sich durch. Das Regime lebt – marginal den Kurs korrigierend und ohne Mubarak – weiter und versucht, die Wahlen einigermaßen zu manipulieren, damit niemand die Privilegien des Militärs antastet.

Allerdings wird die Machtbasis etwas verbreitert durch Einbeziehung der moderaten Muslimbrüder. Die werden vorerst mitspielen.

Die den Aufstand tragenden Stadtbewohner werden sich in diejenigen spalten, die mehr wollen, und diejenigen, die sich realistisch sagen, mehr ist im Moment nicht möglich.

Die Sicherheitskräfte werden die Spaltung nutzen und einige tausend „Rädelsführer“ verhaften, foltern, einen Teil umbringen – gleichzeitig so tun, als ob man nun demokratisch freie Wahlen vorbereite …

Kurzfristig haben die USA ihr Ziel erreicht: Die westlich orientierte korrupte Clique um das Militär bleibt an der Macht und setzt den lakaienhaften politischen Kurs Mubaraks mit nur geringfügigen Einschränkungen fort.

Nachtrag:

Eine sehr viel genauere, differenziertere und kompetentere Einschätzung der Kräfteverhältnisse und der akutellen Lage bringt Paul Amar in der FAZ. Da zeigt sich der Unterschied zwischen dem Laien (ich) und dem Fachmann (Paul Amar).

Längerfristig — siehe 1. – 5.!

— Alles Spekulation. Über solche Details kann man keine verlässlichen Voraussagen machen. Ich möchte eigentlich nur andeuten, dass es wahrscheinlich überaus unbefriedigend weiter gehen wird, und dass vorerst auch kein Zustand der Stabilität erreicht wird.

Stabil wäre Ägypten wohl nur, wenn es sich – ganz demokratisch – auf eine Regierung der Muslimbrüder einließe und diese unter sich den nötigen Kompromiss finden und pragmatisch-gemäßigt Politik machen würden. Das wäre ungefähr das türkische Modell, allerdings deutlich weniger säkularistisch.

Siehe auch

Am Ende kommt das theokratische Regime der Muslimbrüder

Mubarak und die arabische Misere

Ägypten am Freitag: Eine Tahrir-Lektion für uns. Nicht für PI.

Zuwanderer Mubarak, willkommen in Deutschland

Nachtrag 11.02.:

Mubarrak ist abgetreten. Hier aber etwas, das mein Bild von Ägypten und den Muslimbrüdern erheblich verändert – erneut ein Artikel von Paul Amar.

21 Antworten

  1. Ich vermute, du beurteillst die vermutlich entstehenden Koalitionen falsch. Wenn ich dein Posting richtig lese, siehst Du einen Machtkampf zwischen Sekularisten und Islam.

    Ich vermute eher, die Fronten werden sich am internationalen Kampf zwischen der Achse des Widerstandes – z.B. Türkei, Iran, Syrien – und der kolonialen Achse z.B. Israel, Saudi-Arabien, USA, EU – bilden.

    Auch das Militär in Ägypten ist eine hochkomplexe und alles andere als monolithische Organisation:

    http://bit.ly/hFroaw

    Es sind demnächst in Ägypten sehr viele Fraktionen und Koalitionen denkbar und in Ansätzen sehen wir jetzt schon, dass das Wirklichkeit wird.

    Es ist nicht der Islam, der die Muslimbruderschaft anders macht, als andere Kräfte. Dass die Muslimbruderschaft in Ägypten die ganzen Dörfer und so weiter abäumt, halte ich für längst nicht gesichert. Durch Religion wird das kaum gehen. Das gegenwärtige Regime hat auch immer islamische Werte hochgehalten und die dahinter stehenden Institutionen und Theologen, die von dem gegenwätigen Regime nahestehenden Geschäftsleuten finanziert werden, werden nun nicht unbedingt einen Schwenk zur Muslimbruderschaft machen. Die Muslimbruderschaft wird eher eine von mehreren mehr oder weniger islamischen Parteien werden.

    Es ist auch nicht die Radikalität, die die Muslimbruderschaft anders als andere Kräfte macht. Die radikalen Kleriker, die zu Gewalt und religiösen Exzessen aufrufen, stehen dem gegenwärtigen Regime nahe. Die Muslimbruderschaft ist hingegen sehr gewaltfrei und gemäßigt. Ihre Strategie ist die Bildung von Communities und die Zusammenarbeit der Bürger gleich welcher Region – was sie auf kommunaler Ebene auch schon lange praktiziert.

    Was die Muslimbruderschaft von anderen Parteien abhebt, ist ihre antikolonialistische Haltung, die sie seit ihrer Gründung bis heute nicht aufgegeben hat. Ihre antikolonialistische Haltung verträgt sich ganz passabel mit dem auf Nationalismus getrimmten Militär.

    Wenn ich die gegenwärtige Situation recht verstehe, ist auch das einer der Gründe, warum es bisher nicht zum Blutbad gekommen ist, obwohl der Verteidigungsminister, der ein wirklich guter Kumpel vom Mubarak ist, die Proteste sicher gern zusammengeschossen hätte.

    Die Allianz ergänzt sich auch ganz gut. Die Muslimbruderschaft bringen Konzepte wie gewaltfreien Kampf und Menschenrechte ins Militär und das Militär garantiert, dass die Regierung Ägyptens nicht von gewalttätigen Islamisten wie den dem Regime nahestehenden Klerikern entführt wird.

    Im Ergebnis könnte das darauf hinauslaufen, dass Militär und Muslimbruderschaft gemeinsam gegen den traditionellen Klerus, die alten Wirtschaftsseilschaften des Mubarakismus und Behörden wie das Innenministerium stehen.

    Wenn es dazu kommt, wonach es gerade aussieht, dass sich ein nationaler Konsens bildet, dass Waffengewalt zur politischen Konfliktlösung taugt, dann könnten das die politischen Blöcke werden, die den Kampf durch politisches Tauziehen an der Wahlurne aufnehmen.

    Das sieht gar nicht so schlecht aus und könnte gut etwa in Richtung türkische Entwicklung laufen. Auch da war es eine weitestgehend gewaltfreie und gerade deswegen populäre islamische Bewegung, die die dortige Gladio-Diktatur in die derzeitge, wie ich meine, schon recht vorbildliche Demokratie überführt hat.

  2. Eine ganz andere Einschätzung des ägyptischen Militärs. Ich gebe zu, die ist neu für mich. Ich kann sie noch nicht ganz glauben, aber ich beziehe das mal in meine Erwägungen mit ein.

    Muslimbrüderschaft: Was ich zu wissen meine, ist, dass es dort mehrere verschiedene Strömungen gibt, Fraktionen. Es ist wohl im Moment nicht nur mir unklar, wie das genau ausschaut. Dass es die Muslimbrüder eine eindeutig antikoloniale Kraft sind, über alle Strömungen hinweg, vermute ich auch. Aber eben auch, dass sie eine islamistische Kraft sind, die Politik und Religion Hand in Hand gehen lässt. Nicht durch Religion allein, sondern durch Religion + Soziales + Antikoloniales + gute Organisation werden die Muslimbrüder Mehrheiten gewinnen – meiner Vermutung nach. Die Verbindung macht’s.

    Was ich bei meiner Analyse vergessen habe – und du richtigerweise erwähnst: Es gibt auch einen regimenahen Klerus, unabhängig von den Muslimbrüdern. Überhaupt muss man sagen, dass das Regime auch eine zwar schmale, aber doch “schlagkräftige” Basis im Volk hat.

    Im Moment noch hat das alte Regime den Kopf oben, und meine Hauptsorge ist: Was macht das Militär mit den hatnäckigen Demonstranten und danach mit denen, die das Regime als “Rädelsführer” identifizieren und als “zionistische Kräfte” diffamieren wird?

  3. In der New York Times findet sich ein Kommentar von US pundit Nr. 1, Thomas Friedman. Er ist gerade auf dem Tahrir – und was er zu sagen hat, steht in einem bedenkenswerten (und fühlenswerten) Kontrast zu meinen Zukunftsvisionen:

    In 40 years of writing about the Middle East, I have never seen anything like what is happening in Tahrir Square. In a region where the truth and truth-tellers have so long been smothered under the crushing weight of oil, autocracy and religious obscurantism, suddenly the Arab world has a truly free space — a space that Egyptians themselves, not a foreign army, have liberated — and the truth is now gushing out of here like a torrent from a broken hydrant. …

    I confess, as I walked through, my head had a wrestling match going on inside. My brain was telling me: “Sober up — remember, this is not a neighborhood with happy endings. Only bad guys win here.” And my eyes were telling me: “Just watch and take notes. This is something totally new.”

    And the this is a titanic struggle and negotiation between the tired but still powerful, top-down 1952 Egyptian Army-led revolution and a vibrant, new, but chaotic, 2011, people-led revolution from the bottom-up — which has no guns but enormous legitimacy. I hope the Tahrir Square protesters can get organized enough to negotiate a new constitution with the army. There will be setbacks. But whatever happens, they have changed Egypt.

    Der ganze Artikel ist – Absatz für Absatz – lesens- und bedenkenswert.

    Auch das macht mir Hoffnung: SZ-Interview mit Naguib Sawiris.

    Ägypten hat sich unwiderruflich verändert. Die Menschen haben nach Freiheit gerufen. Sie lassen sich das alte System nicht länger aufzwingen. Wenn einer mit der Unterdrückung weitermachen will, stehen morgen auf dem Tahrir-Platz nicht mehr eine Million Menschen, sondern zehn Millionen.

    Wenn DAS stimmt … Und Sawiris sollte es eigentlich wissen … Allerdings ist er ein Mann, der dem Regime nahe steht und verhindern will, dass sich zuviel ändert.

  4. @Ig
    einen schönen Blog, “west-östlcihes Sofa”, über die Ereignisse in Ägypetn findet man übrigens in der FAZ.
    Der heutige Tag hier:
    http://faz-community.faz.net/blogs/sofa/archive/2011/02/08/in-kairo-nichts-neues-nur-bewundernswerte-geduld.aspx

  5. Ein besonders interessantes Blog, danke für den Tipp! Hab die Seite in die Blogroll eingereiht. Und komme aus dem Lesen gar nicht heraus.
    Vor allem hab ich dort die Analyse von Paul Amar entdeckt – schlicht das beste, was ich bisher zum Thema gelesen habe. Als Nachtrag im Artikel eingefügt.

    Ein schönes Zitat von heute:

    14:47 Stadt im Staate (D.A.)

    Während manche im Westen meinen, die Sache mit der Demokratiebewegung sei schon ausgestanden, mehren sich vor dem kulturgeschichtlichen Auge die Anzeichen für eine Sesshaftigkeitswerdung. Zuerst standen die Demonstranten auf dem Platz. Dann übernachteten sie dort. Dann kamen Generäle und sagten, sie würden schon gehen, wenn es ihnen zu kalt wird. Inzwischen gibt es aber eine Mauer zur Sicherheit, einen de facto Fernsehsender, der über Bambuser selbst gemacht ist, eine Flickrbildagentur, ein Krankenhaus, und gerade eben durfte ich das Wort “Zeltstadt” lesen.

    Man sollte das vielleicht nicht kleinreden: Vor zwei Wochen wäre das in Ägypten unvorstellbar gewesen.

    Und das da gleich drunter – der tausendste Beweis dafür, dass die USA die Demokratie fürchten, fürchten, fürchten: Diese Info kommt aus einem leak:

    With the course of the crisis still far from settled, US is quietly stepping up its interactions with Saudi Arabia, passing assurances to the Saudi monarchy that the US unwillingness to support President Mubarak does not imply that the US any hesitation to support the Saudi leadership if confronted by a similar challenge.

    Still haben sie es wissen lassen, aber nicht still genug. Eine sehr geschätzte Analystin sagte mir letzte Woche, in Saudi-Arabien würde ohnehin nichts passieren: Die seien viel zu reich und könnten jeden Aufstand mit Geld ersticken.

    Würde man eine Hitliste der übelsten Diktaturen 2011 aufstellen, käme wohl Nordkorea auf Platz 1, aber Saudi-Arabien dürfte der aussichtsreichste Kandidat für Platz 2 sein. Und die USA FÜRCHTEN, dass sich dort etwas bewegt …

  6. Es gibt da noch was, was viele in Deutschland nicht verstehen. Die meisten Islamisten-Führer in Ägypten stehen als Salafiten genau wie Saudi Arabien und Israel auf der Seite von Mubarak, nun ganz offen sichtbar:

    http://bit.ly/etiG53

    Die Muslimbruderschaft steht als gewaltfreie gemäßigte antikoloniale Bewegung auf der anderen Seite der Barrikade.

  7. Interessant, dieser Text. Ich zitiere mal einen Absatz:

    Much like the Egyptian people succeeded in overriding state-supported religious institutions, they have also succeeded in overriding Salafi groups that were clearly supportive of the regime. Many salafis opposed the revolution and the principle of political opposition more broadly, which the regime tried to use to its favor. Salafis unanimously boycotted the revolution, claiming it was sedition. They accepted decades of injustice, but rejected the revolution. The revolution revealed an unintended alliance between the Mubarak regime and the Salafi movement. On the one hand, this movement is backed by elements in Saudi Arabia. On the other hand, its members are periodically subjected to harassment by the regime. However, the regime does not see this as completely eliminating its alliance with the movement, as long as the movement continues to support the regime politically.

    Wie es diese seltsame Achse USA-Saudis-Wahhabiten gibt, so jetzt auch in Ägypten die Achse USA-Mubarakregime-Salafiten?

    Reaktionäre aller Welt, vereinigt euch!

  8. “Reaktionäre aller Welt, vereinigt euch!”

    Das ist genau der Punkt. Zwischen Wahhabiten und Salafiten gibt es kaum einen Unterschied. Das sind im wesentlichen dieselben reaktionären islamischen Kräfte. Und diese Reaktionäre machen schon seit langem gemeinsame Sache mit anderen Reaktionären: Bushisten, Zionisten usw. Auf der anderen Seite der Barrikade steht die Achse des Widerstandes gegen die Reaktionäre.

    Die Rolle der USA ist dabei gespalten. Auf der einen Seite sehen wir die evangelikal-zionistiisch-wahhabitische Wertegemeinschaft der Bushisten:

    http://bit.ly/g7KOXU

    Au der anderen Seite ist zu erkennen, dass die gegenwärtige Administration dieser bushistischen Linie nicht so ganz folgt.

  9. Zur Spaltung der amerikanischen Kräfte hat Jeffrey Goldberg hier einen sehr aufschlussreichen Artikel publiziert:

    http://bit.ly/eBQPCB

    Wer Jeffrey “Israel-first” Goldberg und seinen Atlantic nicht kennt, bitte googlen.

  10. Bandolero,

    die Israel-Fans haben einen Schock bekommen, und ich glaube, es ist eher eine Illusion, wenn einige den Schock dadurch abzufangen versuchen, dass sie (wie J. Goldberg) eine positive Seite der ägyptischen Wandlung zu sehen versuchen.

    Die Rebellen gegen das Regime in Ägypten haben bei ihrer Rebellion nicht Israel oder Ägyptens Israelpolitik im Auge gehabt, und mit Omar Suleiman und dem Militär an der Führung kann man eigentlich noch nicht damit rechnen, dass sich nächstens schon ein wirklich israel-kritischer Kurs entwickeln wird.

    Trotzdem.

    Der Lakai des Westens und Israels ist gestürzt, auch wenn er noch formell im Amt ist, das Volk hat jetzt etwas mitzureden, und die Aussichten auf eine Regierung, die – anders als Mubarak-Regime – die palästinensischen Brüder nicht völlig im Stich lassen kann, sind gestiegen.

    Das isoliert Israel selbst kurzfristig noch mehr, als es schon der Fall ist, ein Faktum, das zwar die geplante weitere Eskalation des Konflikts (Gaza, Libanon, Siedlerterror gegen Palästinenser) nicht verhindern, aber teurer und riskanter machen würde.

    Vor allem aber gibt es einen Geschmack auf das, was noch kommen könnte. Ägypten könnte sich, wenn es mal eine sich auf das Volk stützende Regierung bekommen sollte, von Israel ähnlich abwenden wie die Türkei. Jordanien müsste eventuell bei dieser Wendung mitmachen. Saudi-Arabien käme damit stärker unter Legitimationsdruck. Irak wird ohnehin im Iranisch-syrischen Fahrwasser schwimmen.

    Die Nahost-Front gegen Israel baut sich allmählich auf.

    Zukunftsmusik, natürlich, auch etwas spekulativ, aber nicht unwahrscheinlich.

    Diese Aussicht ist es, die man in Israel jetzt spürt, und die macht Angst.

    Zurecht. Denn wenn sich diese Front der Nahost-Staaten bildet, werden die Europäer wegen ihrer ökonomischen Interessen auch nicht mehr wie bisher die aggressive Expansionspolitik Israels stützen können. Und für die USA könnte die weitere bedingungslose Unterstützung auch zu teuer werden.

    Allerdings sind da noch die Armaggedon-Politiker. Denen wär das nur die Erfüllung der apokalyptischen Prophezeiung des Johannes. Der Antichrist zeigt sich in dieser Koalition gegen Israel. Die Armaggedon-Politiker setzten schlicht auf die atomare Feuerkraft der US-Armee und die apokalyptische Vision: The Second Coming of Jesus Christ. Das Ende der Welt ist nahe.

    Verrückt. Aber auch unheimlich. Weil es in der Politik möglich ist, dass Irrsinnige an die Schalthebel kommen.

  11. Dass der Druck auf Israel sich durch die Ereignisse erhöhen wird, ist klar. Mir ging es bei dem Link auf den Artikel von Goldberg aber um etwas anderes: den Split zwischen Neocons und Israel-First-Lobbyisten in den USA.

    Jahrzehntelang ging zwischen Neocons und Israel-Lobby kein Blatt, und nun gibt es einen Split, der zur Spaltung führen kann. Sollte diese Spaltung tatsächlich erfolgen, wird die Israel-Lobby in den USA einen Großteil ihrer Macht einbüßen.

  12. Den Artikel von Paul Amar in der FAZ finde ich auch interessant. Den gleichen Artikel hat er auch auf der Website von Aljazeera publiziert. Ich wollte den Link schon hier eintragen.

    http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/20112310511432916.html#

  13. Bandolero,
    ich schätze, diejenigen in den USA, die sich gegen Israels expansionistisch interpretierte Interessen stellen, werden schnell marginalisiert werden. Die Israel-Lobby wird ein paar Anhänger vergraulen, aber stabil bleiben und weiterhin gemeinsam mit der Armaggedon-Bewegung in Richtung Eskalation marschieren.

  14. Essam El-Errian ist einer der Sprecher der ägyptischen Muslimbrüder. In der NYTimes stellt er die Bewegung den Amerikanern vor: What the Muslim Brothers Want.

    Was ist davon zu halten:

    As our nation heads toward liberty, however, we disagree with the claims that the only options in Egypt are a purely secular, liberal democracy or an authoritarian theocracy. Secular liberal democracy of the American and European variety, with its firm rejection of religion in public life, is not the exclusive model for a legitimate democracy.

    In Egypt, religion continues to be an important part of our culture and heritage. Moving forward, we envision the establishment of a democratic, civil state that draws on universal measures of freedom and justice, which are central Islamic values. We embrace democracy not as a foreign concept that must be reconciled with tradition, but as a set of principles and objectives that are inherently compatible with and reinforce Islamic tenets.

    Ich denke, dass er recht haben könnte, aber bevor ich mein Urteil fälle, würde ich (u. a.) gerne Repräsentanten der Rebellion auf dem Tahrir fragen, was sie davon halten.

    Ist das, was El-Errian da andeutet, nicht
    entweder ein theokratisch orientiertes Konzept von Demokratie,
    oder ein demokratisch orientiertes Konzept von Theokratie?

    Es geht mir bei dieser Frage nicht um Denunziation oder um Widerstand gegen die Revolution. Ägypten braucht einen neuen Weg, und sollte seinen eigenen Weg gehen, der vielleicht dem entspricht, den El-Errian vorschlägt. Vielleicht.

    Ich selber möchte nur gern wissen, woran ich bin.

  15. Theokratie mit demokratischen Elementen ist durchaus möglich. Das Problem sehe ich hauptsächlich bei der Scharia.

  16. Kommt auf den Inhalt, die Orientierung ihrer Scharia an. Wenn sie dasselbe darunter verstehen wie Benjamin Idriz, ist da kein Problem … aber wir dürfen annehmen, dass die Muslimbrüder eine etwas traditionalere Auffassung vom Weg des Individuums und der Gemeinschaft zu Gott haben.

    Auch das muss nicht zum großen Problem werden – wenn es moderat bleibt, pragmatisch und kooperativ eingebunden in ein Bündnis mit säkularen Kräften.

    Wir schwimmen da halt noch ziemlich, wissen nicht recht, wollen uns von der Propaganda der Diktaturfreunde nicht manipulieren lassen, andererseits auch nicht naiv reinfallen …

    Am besten, wir warten mal ein bisschen ab und beobachten .- und hoffen auf jeden Fall, dass das Regime fällt (nicht nur Mubarak, sondern das ganze Regime).

  17. Die Scharia ist in Ägypten in vielen Bereichen des Lebens schon längst eingeführt. Der Unterschied zum Iran ist gar nicht so groß.

    Ich versuche übrigens gerade einen längeren Kommentar zu schreiben.

    Was muss ich denn eingeben um so ein gelb hinterlegtes Zitat zu bekommen?

    Gibt es eigentlich eine Anleitung für WordPress, bzw. eine kurze Zusammenfassung der verwendeten Markup-Sprache?

  18. Text

    Ich gebe vorne blockquote ein, vor blockquote das Zeichen für kleiner als, danach das Zeichen für größer als.
    Dann kommt mein Text.
    Dann gebe ich wieder blockquote ein, davor das Zeichen für kleiner als, danach slash, danach blockquote, danach wieder das Zeichen für größer als.

    Hab’s grad das erste Mal probiert.

    Ich mach es sonst über den Editionsmodus. Ich schreib ins Kommentarfeld, geh auf bearbeiten, hab dort die Befehle bequem in der Taskleiste, aktualisiere – und das Layout ist da.

  19. Habe eben etwas gefunden, getwittert von NDM Kruppzeuch:
    http://blog.zeit.de/joerglau/2011/03/25/die-neue-starke-der-muslimbruder_4746
    von Jörg Lau zur Situation nach der Wahl in Ägypten und dem Anteil der Muslimbruderschaft daran.

  20. Danke, Silvia,
    dieser Artikel von Jörg Lau wär mir entgangen – der informativste Text, den ich seit einiger Zeit über Ägypten gelesen habe.

    Besonders beeindruckend: Sandmonkey. Er schreibt:

    I once suggested that we need to reach to Imams and Priests in order to get them on our side, and I was hissed at for wanting to mix Politics with Religion. Well, as much as I agree with that sentiment and truly wish we live in a country where people don’t vote based on religion, ehh..welcome to Egypt. We are religious people, and whether we like it or not, Imams and Priests are community leaders. We have to engage them, get them on our side and have them help us with the hearts and minds of their flock. An easy place to start are the individual churches and the Sufi festivals (Fun Fact of the Day: the Sufis are 16 million in Egypt. I KNOW!), get those two groups, and then focus on all the local imams that are in your area. If you manage to convince 1 Imam in every 5, you already caused them to lose a sizable part of their base.

    Das ist ein Blogger, der was von Politik versteht!

    Gut auch Parag Khanna: Er

    hält die diplomatische Zurückhaltung gegenüber der MB für völlig falsch und für eine westliche Selbstüberschätzung. Gruppen, die man “isoliert”, werden dadurch nicht notwendiger Weise geschwächt. Und der Westen müsse sich schlichtweg fragen, ob man eines Tages einer neuen ägyptischen Elite gegenüber treten möchte, die man schlicht nicht kennt.

    Meine Einschätzung, dass besonders die Muslimbrüder stark herauskommen werden und dass das einen starken religiös-konservativen Einfluss in der Politik bedeutet, und dass die säkularen Triebkräfte der ursprünglichen Revolution den weiteren Verlauf nicht dominieren werden — diese Einschätzung halte ich aufrecht; ob sie ganz zutrifft, wird sich erst durch die Wahlen und ihre Folgen zeigen.

  21. Auch wenn die ägyptische Revolution aus den Medien verschwunden ist, interessiere ich mich immer noch dafür. Hier ist ein Bericht aus der ägyptischen Provinz der mich etwas traurig stimmt. Er ist aus Minya[1] südlich von Kairo, wo die Hälfte der Bevölkerung Christen sind. Ein liberaler Großstadt-Bewohner hat sich mit den Leuten dort über Politik unterhalten:

    http://moftasa.net/node/2703

    Die interessantesten Aspekte:
    - Die einfachen Leute verstehen ziemlich viel von Politik. Die Jüngeren benutzen Facebook und andere Online-Medien, und können darum über diese Kanäle angesprochen werden.
    - Die Abneigung zwischen den Religionen (Muslimen und Christen) ist sehr stark.
    - Die Salafisten sind die einzige politische Gruppe, die im Moment als glaubwürdig gelten.

    Die Sache mit den zerstörten Häusern, die auf Ackerland gebaut wurden, verstehe ich nicht wirklich.

    [1] http://en.wikipedia.org/wiki/Minya,_Egypt

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